
An über sechseinhalb Stunden pro Tag staut sich der Verkehr auf der A1 Richtung St. Gallen auf der Zürcher Nordumfahrung im Durchschnitt. Das zeigen neue Daten des Bundesamt für Strassen (Astra). Es verzeichnete im vergangenen Jahr einen Staurekord. Eine Region leidet darunter besonders stark.
von Stefan Ehrbar
28. Juni 2023
Eine solche Zunahme gab es noch selten: Im Jahr 2022 verzeichnete das Bundesamt für Strassen (Astra) auf den Nationalstrassen 39’863 Staustunden – ein Rekord und 22,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Gegenüber dem Jahr 2019 – dem letzten vor der Coronakrise – nahm die Zahl der Staustunden um knapp 25 Prozent zu, wenn die Staus auf den Strassen herausgerechnet werden, die erst 2020 in die Verantwortung des Astra kamen.
Zwischen 2013 und 2022 verdoppelte sich die Zahl der Staustunden auf den Nationalstrassen laut dem Astra, während die Fahrleistung um nur 5,3 Prozent zunahm. Das zeigt, dass viele Autobahnen an den Kapazitätsgrenzen operieren und schon eine kleine Zunahme des Verkehrs diesen zum Kollabieren bringen kann. So sieht es zumindest das Astra.
Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit: Dass die Zahl so stark stieg, liegt vor allem an der deutlichen Zunahme der durch Baustellen verursachten Staus. Diese hatten letztes Jahr einen Anteil von 5,5 Prozent an den Staustunden – der höchste Wert seit zehn Jahren. Der Anteil der durch Überlastung verursachten Staustunden war mit 85,1 Prozent hingegen so tief wie seit 2013 nicht mehr, auch wenn die absolute Zahl grösser war als damals.
Das zeigt, dass mit geschicktem Baustellenmanagement noch einiges herauszuholen ist und die Zahl der Staustunden zumindest stabilisiert oder möglicherweise gar gesenkt werden könnte. Dasselbe gilt, wenn die durch Unfälle verursachten Staustunden weiter gesenkt werden könnten. Sie machten letztes Jahr 9,0 Prozent der Staustunden aus.
In absoluten Zahlen wurden letztes Jahr wieder die Zustände hergestellt, wie sie vor der Coronakrise galten. Während 2020 und 2021 am meisten Stau auf der Nord-Süd-Achse registriert wurde, schwang letztes Jahr wieder die Zürcher Nordumfahrung auf der A1 obenaus. Dort wurden auf einigen Abschnitten über sechseinhalb Stunden Stau pro Richtung und Tag registriert – also 2400 Stunden insgesamt.
Die folgende Tabelle listet die Abschnitte mit den meisten Staustunden im Jahr 2022 auf dem Schweizer Autobahnnetz auf. Es handelt sich um gerundete Werte. Berücksichtigt wurden Abschnitte mit mindestens 1000 Staustunden.
Wie aus den Daten des Astra hervorgeht, ist die Region Zürich vom Stau besonders betroffen. Mehr als jede vierte Staustunde im Jahr 2022 wurde hier registriert. Gegenüber dem Jahr 2021, in dem die Coronakrise das Mobilitätsverhalten noch stärker beeinflusste, ist das eine starke Zunahme. Damals entfielen 22,1 Prozent der Staustunden auf die Region Zürich.
Erstmals separat ausgewiesen wurde letztes Jahr die Region Mittelland mit einem Anteil von 11,6 Prozent. Zugenommen hat der Anteil der Region Basel an den Staustunden (von 8,5 auf 9,3 Prozent). Auf Platz 3 folgt das Tessin mit einem leichten Rückgang des Anteils auf 9,3 Prozent (von 9,4 Prozent), während der Anteil der Gotthardachse stieg (von 7,8 auf 8,1 Prozent). Weiterhin tritt der Stau auf der Gotthard-Achse fast ausschliesslich um die Feiertage und Ferien auf, dann aber zusehends intensiv und an gewissen Tagen durchgehend.
Anteile von unter 5 Prozent an den Staustunden haben die Regionen Bern, Genf und Lausanne. Angesichts dieser Zahlen muss die Frage erlaubt sein, ob das Astra mit den massiven Investitionen in den Autobahnausbau rund um Bern (Achtspurausbau beim Grauholz für 429 Millionen Franken, Umgestaltung Knoten Wankdorf für 252 Millionen Franken und weitere) den Fokus richtig setzt - ganz abgesehen davon, dass der Spurausbau weiteren Verkehr generieren wird.
Diesen Fakt gibt das Astra in seinem neusten Verkehrfluss-Bericht etwas verstohlen selbst zu, nachdem er bisher etwa von Astra-Direktor Jürg Röthlisberger bestritten wurde. «Zu behaupten, dass ein grösseres Angebot an Strassen eine erhöhte Nachfrage schaffe, ist Unsinn», sagte dieser noch 2022 der «Berner Zeitung».
Offensichtlich haben ihm seine Mitarbeitenden den neusten Bericht nicht vorher zum Gegenlesen gegeben. Den dort sehen sich die Astra-Leute genötigt, ein sehr starkes Wachstum des Verkehrs auf der A1 bei Zürich Seebach von 15 Prozent innert fünf Jahren genau damit zu begründen. «Dieses doch sehr grosse Wachstum lässt sich mit den zusätzlichen Fahrstreifen je Richtung erklären», schreiben sie. Mit anderen Worten: Ein erhöhtes Angebot an Strassen hat mehr Verkehr geschaffen.
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