
Die Zürcher Bahnhofstrasse ist die meistfrequentierte Einkaufsmeile der Schweiz – und zurzeit aussergewöhnlich gut besucht. Doch im europaweiten Vergleich liegt sie weit hinter den bekannten Strassen von München, Berlin oder Amsterdam zurück – und St. Gallen und Genf erst recht. Das zeigt die exklusive Mobimag-Analyse.
von Stefan Ehrbar
19. September 2023
Über 130’000 Menschen zählten die Sensoren am 8. Juli dieses Jahres im mittleren Teil der Zürcher Bahnhofstrasse. Es ist ein einsamer Jahresrekord – und eine Ausnahme: An jenem Samstag fand das «Züri Fäscht» statt, das Hunderttausende Besucherinnen und Besucher in die Stadt lockte.
Wenn hingegen kein Züri Fäscht ist, kein Sechseläuten und keine Street Parade, dann bevölkern jeweils zwischen 30’000 und 40’000 Personen pro Tag die Zürcher Einkaufsmeile – den Sonntag mit eingerechnet, an dem die Läden geschlossen sind. Das zeigt eine Auswertung von Daten des Analysedienstleisters Hystreet durch Mobimag.
Im Hochsommer sind jeweils etwas weniger Menschen unterwegs, doch diesen August waren es konstant jeweils etwa 10 Prozent mehr als vor zwei Jahren. Damals, im Jahr 2021, war die Mobilität allerdings durch Corona noch stärker eingeschränkt. Auch an der Genfer Prachtsmeile Rue de la Croix-d’Or sind derzeit deutlich mehr Passanten unterwegs als im Sommer 2021. Hinter den Werten von damals zurück liegen hingegen die Passantenfrequenzen an der St. Galler Multergasse.
Die Frequenzen an der Rue de la Croix-d’Or liegen dieses Jahr meistens zwischen 20’000 und 30’000 Passanten täglich (im Durchschnitt der letzten 7 Tage), jene an der St. Galler Multergasse etwa zwischen 9000 und 13’000.
Im mittleren Teil der Zürcher Bahnhofstrasse sind pro Tag etwa so viele Menschen unterwegs, wie in der Stadt Schaffhausen leben. Doch im europaweiten Vergleich muten diese Zahlen geradezu tief an, wie der Vergleich zeigt.
Hystreet analysiert die Passantenfrequenzen an 270 Standorten in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, der Schweiz, Dänemark und Luxemburg. Die meistbesuchte Strasse ist meistens die Münchner Einkaufsmeile Neuhauser Strasse. Dort werden im Normalfall zwischen 60’000 und 100’000 Besucherinnen und Besucher pro Tag gezählt.
Doch auch an der mit der Zürcher Bahnhofstrasse vergleichbaren Kärntner Strasse in Wien sind die Passantenfrequenzen deutlich höher. Sie bewegen sich dort meistens zwischen 40’000 und 70’000 pro Tag. Auch auf der Amsterdamer Kalverstraat sind mehr Menschen unterwegs als in Zürich, wie der grafische Vergleich zeigt.
Dass die Zürcher Bahnhofstrasse dennoch zu den teuersten Einkaufsmeilen der Welt zählt, an der laut der NZZ Quadratmeterpreise von bis zu 9000 Franken pro Quadratmeter im Erdgeschoss bezahlt werden, liegt denn auch nicht an den Frequenzen alleine. Vielmehr macht sich hier die hohe Kaufkraft in der Schweiz bemerkbar – und die Tatsache, dass viele Läden deshalb und dank den Touristen ein hochpreisiges Sortiment verkaufen können, sei es im Uhren-, Schmuck- oder Modebereich. Das Beratungsunternehmen Cushman & Wakefield hat gemäss der «Handelszeitung» ausgerechnet, dass die Bahnhofstrasse die in Sachen Mietpreise siebtteuerste Einkaufsstrasse der Welt ist - nach der Upper 5th Avenue in New York oder der New Bond Street in London, aber vor der Pitt Street Mall in Sidney oder der Haupt-Einkaufsmeile von Seoul.
In Sachen Frequenzen hingegen schafft es die Bahnhofstrasse unter den 270 von Hystreet analysierten Einkaufsstrassen gerade mal auf Platz 19. Im Monat Juli wurden hier 1,29 Millionen Passanten gezählt - gegenüber 2,69 Millionen an der Neuhauser Strasse in München oder 1,60 Millionen an der Schildergasse in Berlin.
Unter «ferner liefen» rangieren in dieser Statistik die Rue de la Croix-d'Or in Genf (Platz 55 mit 876'073 Passanten) und die St. Galler Multergasse auf Platz 186 mit 326'382 Passanten. Keine Messungen führt Hystreet etwa in Basel und Bern durch – und die Sensoren im nördlichen Teil der Bahnhofstrasse, der teilweise wegen seiner Nähe zum Hauptbahnhof noch etwas besser frequentiert ist, liefern seit Monaten keine Daten mehr.
Schreiben Sie einen Kommentar