Co-Gründerin von Carvolution: «Unter 30-Jährige wechseln ihr Auto alle drei Jahre»

Carvolution-Co-Gründerin Léa Miggiano. Foto: Thomas Lüthi

Léa Miggiano ist Co-Gründerin des Auto-Abo-Anbieters Carvolution und sein Gesicht in der Öffentlichkeit. Die 26-Jährige sagt, ihre Firma trage zum Umweltschutz bei, denkt über Kombi-Modelle mit dem ÖV nach und sagt, warum die Schweiz für Elektroauto-Hersteller «nicht immer Priorität» hat.

von Stefan Ehrbar
18. April 2021

Frau Miggiano, Sie versprechen mit dem Auto-Abo-Modell von Carvolution einen Preisvorteil gegenüber dem Leasing. Wie kommt dieser zustande?
Wir suchen digital und datenbasiert die werthaltigsten Konfigurationen aus tausenden von Konfigurationsoptionen bestimmter Modellen diverser Marken aus. Zusätzlich beschaffen wir die Modelle in sehr grossen Stückzahlen und profitieren so von extrem attraktiven Einkaufskonditionen. Im Gegensatz zum Leasing sind bei uns alle Aufwände rund ums Auto enthalten, also Vollkaskoversicherung, Steuern, Bereifung und so weiter. Das ist wichtig zu wissen, denn diese fallen in der Summe wesentlich tiefer aus, als wenn jemand dasselbe Auto leasen würde.

Woher nehmen Sie die Autos? Importieren Sie auch Fahrzeuge?
Wir achten stark darauf, dass wir wenn immer möglich Fahrzeuge aus Schweizer Quellen beziehen. Da wir in sehr grossen Volumen bestellen, erhalten wir in der Regel auch entsprechend attraktive Konditionen. In seltenen Fällen importieren wir auch kleinere Chargen, falls Fahrzeuge in der Schweiz nicht verfügbar sind

Was geschieht mit den Autos, wenn ein Abo abläuft und ein Kunde es zurückgibt?
Ist ein Auto noch neuwertig, geben wir es an eine nächste Abokundin respektive den nächsten Abokunden weiter. Falls nicht, gehen die Autos zu einem unserer Beschaffungspartner zurück.

Carvolution verspricht, dass Nutzer flexibel ein Auto wechseln können. In der Produktion von Autos fallen allerdings viele Emissionen an. Befeuern Sie einen umweltschädlichen Lebensstil?
Carvolution vertreibt überproportional viele Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Somit fördern wir den Wechsel in Richtung Elektrofahrzeuge und tragen so zu einer Reduktion der Emissionen bei. Die flexiblen Wechsel sind meist auch zugunsten der Umwelt. Denn während früher viele aus Prinzip einen grossen SUV fuhren, fühlen sie sich bei uns mit einem Kleinwagen wohl und wechseln erst auf ein grösseres Auto, wenn es wirklich notwendig ist. Insgesamt ist unsere Kundschaft sehr umweltfreundlich. So gibt es einige, die nur während den Wintermonaten ein Auto im Abo fahren, denn im Sommer nutzen sie ausschliesslich ihr Velo. Bei einem gekauften oder geleasten Auto würden sie das Auto hingegen wohl auch gelegentlich im Sommer nutzen. Bei uns ist somit nur Kunde, wer wirklich ein Auto braucht.

Sie haben von alternativen Antrieben gesprochen. Wie viele Prozent ihrer Abos werden mit Elektroautos abgeschlossen?
Elektroautos sind bei unserer Strategie sehr wichtig. Gerade dort gibt es sehr viele, die die finanziellen Risiken von einem Kauf vermeiden wollen oder sich noch nicht sicher sind, ob ein Elektroauto wirklich für ihren Alltag in Frage kommt. Das zeigt sich auch darin, dass unser Anteil an Elektroautos ein gutes Stück oberhalb der ge­samt­schwei­zerischen Werte liegt und sich sehr positiv entwickelt.

Spüren Sie Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Elektroautos – etwa, weil die Händler diese lieber in der EU verkaufen, wo strengere CO2-Grenzwerte gelten?
Die Herausforderung bei Elektroautos ist momentan die Verfügbarkeit. Die Nachfrage in Europa ist gross und wir spüren, dass die Schweiz bei grossen Marken nicht immer Priorität hat. Ein weitere Herausforderung ist auch der zukünftige Verkaufspreis beziehungsweise der Restwert eines Elektrofahrzeugs.

Eine weitere Hürde ist die Ladeinfrastruktur. Wie unterstützen Sie Ihre Kunden dabei?
Wir vermitteln unsere Kundinnen und Kunden an Experten. Wir haben festgestellt, dass es bei vielen Kundinnen und Kunden, die zur Miete wohnen, oft nicht einfach ist, eine Ladeinfrastruktur zu installieren.

Bräuchte es eine stärkere finanzielle Förderung?
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine finanzielle Förderung braucht oder ob die Nutzung von Elektroautos weiter vereinfacht werden sollte. Mehr Ladestationen in öffentlichen Räumen, damit auch jene ohne Heimladestation den Schritt in Richtung Elektroautos wagen können, wären eine Diskussion wert.

Mittlerweile gibt es relativ viele Anbieter von Abos, etwa die Amag mit Clyde oder die Axa mit Upto. Inwiefern spüren Sie das?
Wir begrüssen jeden weiteren Marktteilnehmer der hilft, das Konzept des Auto-Abos in der Schweiz bekannter zu machen. Unsere Marktanteile kommen nicht von anderen Auto-Abo-Anbietern sondern von Kunden, die bis anhin ein Fahrzeug gekauft oder geleast haben. Im Moment gehen wir davon aus, dass Carvolution rund 80 bis 85 Prozent der Auto-Abos auf Schweizer Strassen verantwortet.

BMW und Mini haben ein eigenes Abo lanciert, Volvo plant das mit «Care by Volvo». Besteht die Gefahr, dass die Händler Ihnen das Geschäft mit eigenen Abo-Modellen streitig machen werden?
Unsere Erfahrung zeigt, dass die Einfachheit und die Experience für die Entscheidung zugunsten eines Anbieters sehr wichtig sind. Deshalb haben wir uns seit Anfang an auf ein einzigartiges Kundenerlebnis konzentriert. Unser Service kommt bei den Kunden sehr gut an. Das zeigt sich auch bei den Google-Bewertungen. Weiter zeigt sich, dass Kunden gerne die Wahl zwischen verschiedenen Modellen und Marken haben. Die Markenloyalität nimmt immer mehr ab, wichtiger ist die Funktionalität.

Ein eigenes Auto zu kaufen, ist auf Dauer immer noch die günstigste Lösung. Einverstanden?
Nein, damit bin ich nicht einverstanden (lacht). Angenommen ich kaufe mir heute einen Neuwagen und verkaufe ihn in zwei Jahren wieder. Das kommt gewiss wesentlich teurer, als wenn ich ein Auto im Abo bei Carvolution fahre. Die Frage ist also: Wie definiert man «auf Dauer»?

Zwei Jahre sind keine besonders lange Zeit für die Nutzung eines Neuwagens…
Bedenkt man, dass die unter 30-Jährigen im Schnitt alle drei Jahre ihr Auto wechseln und nimmt man diese drei Jahre als Referenzpunkt, so zeigen die Daten, dass das Auto-Abo günstiger ist. Wer dasselbe Auto mindestens acht Jahre fährt, kommt unter Umständen günstiger mit einem Neuwagenkauf davon. In der Praxis behalten die meisten Autofahrer dasselbe Auto aber weniger als acht Jahre. Die Aussage, ein eigenes Auto zu kaufen sei günstiger, stimmt somit erst dann, wenn es sich um ältere, gebrauchte Autos handelt. Was dabei bleibt, ist aber die Unsicherheit bezüglich Reparaturen und Service und natürlich auch der ausbleibende Service.

Ist es für Carvolution denkbar, künftig ganzheitlichere Abo-Modelle anzubieten – etwa, indem sie mit einem GA kombiniert werden?
Solche Lösungen sind denkbar und werden auch regelmässig diskutiert. Dennoch ist in unserem aktuellen Status der Fokus auf unser Kerngeschäft das Allerwichtigste.

Warum?
Wir wachsen sehr schnell und wollen unser Kundenversprechen und die Qualität so hoch wie bei unseren allerersten Autoübergaben halten. Das erfordert gute Prozesse und keine Kompromisse auf Kosten der Kunden-Experience.

Mittlerweile sind auch Autovermieter wie Hertz, Sixt oder Enterprise ins Abo-Geschäft eingestiegen. Sie inkludieren viel mehr Kilometer als Carvolution und argumentieren, dass sie neuere und besser ausgerüstete Autos abgeben.
Die wenigsten brauchen im Alltag riesige Kilometerpakete, die die Autovermieter anbieten. Solche Kilometerpakete machen während den Ferien bei der klassischen Automiete sicher Sinn. Doch für ein Alltagsauto, mit dem in der Schweiz im Schnitt 1’200 Kilometer pro Monat gefahren werden, braucht es die nicht. Viel mehr braucht es für den Alltag ein gut ausgestattetes Auto.

Wie viele Kilometer fahren die meisten Kunden?
Wir haben bei der Entwicklung des Auto-Abos bedacht, es an den Bedürfnissen der Leute auszurichten. Deshalb gibt es bei uns von 850 Kilometern bis 3’250 Kilometer diverse Pakete. Die Autovermieter haben eine andere Denkweise und kommen gedanklich von der klassischen Autovermietung, wobei oft innert kurzer Zeit viele Kilometer gefahren werden. Doch das entspricht nicht den Bedürfnissen eines Alltagsautos. Insgesamt sind unsere Kilometerpakete passender, unserer Autos wesentlich neuer und besser ausgestattet und, was viele Vergleiche zeigen, unsere Kosten deutlich tiefer. Bei den Autovermietern kommt zusätzlich hinzu, dass die Auto meist nicht kantonal bei den Kundinnen oder Kunden eingelöst werden. Dadurch kann es schwierig sein zum Beispiel eine Anwohnerparkkarte für die blaue Zone zu kriegen.

Wie bewegen sie sich selbst fort?
Das ist sehr unterschiedlich. Längere Strecken fahre ich mit dem Zug oder dem Auto. Kurze Strecken mit dem Velo, zu Fuss oder mit einem E-Scooter. Aber am liebsten bewege ich mich auf den Pferd fort, das hat zwar sehr wenig PS, macht aber unglaublich viel Spass. Im Auto-Abo fahre ich aktuell einen Ford Focus.



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