In diese Städte und Regionen reisen Menschen aus der Schweiz mit der Bahn – und diese Potenziale liegen noch brach

Das Potenzial der Bahn bei Fernreisen ist noch nicht ausgeschöpft. Bild: Barthelemy de Mazenod / Unsplash

Mit Ausbauten und Optimierungen könnte der Anteil der Bahn an Fernreisen von 25 auf 48 Prozent erhöht werden, zeigt eine neue Studie. Die Autoren haben identifiziert, auf welchen Strecken das Angebot ausgebaut und entwickelt werden müsste – und auf welchen Verbindungen die Bahn schon heute beliebt ist.

von Stefan Ehrbar
26. September 2022

Kaum jemand in Europa reist so oft wie Menschen aus der Schweiz. Jede Einwohnerin und jeder Einwohner im Alter von über sechs Jahren unternimmt laut den Zahlen des letzten Mikrozensus Mobilität aus dem Jahr 2015 im Durchschnitt 1,9 Auslandreisen mit Übernachtung pro Jahr. Dabei werden durchschnittlich 3’900 Kilometer zurückgelegt.

Das Problem dabei: Die wenigsten dieser Reisen werden heute mit dem Zug zurückgelegt. Stattdessen entfallen 78 Prozent der auf Auslandreisen zurückgelegten Kilometer auf das Flugzeug, 16 Prozent auf das Auto und nur 6 Prozent auf die Bahn. Bei der Anzahl Wege sieht es immerhin etwas besser aus: Jede vierte Auslandreise findet mit der Bahn statt.

Dieser Anteil soll deutlich steigen, auch damit die ambitionierten Ziele des Bundes im Rahmen der «Perspektive Bahn 2050» erreicht werden. Doch auf welchen Verbindungen lässt sich der Anteil der Bahnreisenden noch steigern, wo ist er bereits hoch – und welche Destinationen sind noch nicht erschlossen, bergen aber grosses Potenzial?

Um diese Fragen zu beantworten, hat der Bund beim Genfer Büro 6t eine Studie in Auftrag gegeben. Die Autoren haben die wahrscheinlich umfassendste Analyse des internationalen Fernverkehrs ab der Schweiz verfasst. Mobimag fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

1. Hierhin verreisen die Menschen ins Ausland

Einerseits verreisen die Menschen gerne in grosse Städte, andererseits auch in Regionen, die für ihre Natur bekannt sind. Im Jahr 2015 waren folgende Destinationen in Europa die beliebtesten:

  1. Paris: 296’148 Reisen aus der Schweiz/Jahr
  2. London: 214’419 Reisen
  3. Berlin: 212’093 Reisen
  4. Milano: 181’134 Reisen
  5. Barcelona: 177’580 Reisen
  6. Wien: 165’721 Reisen
  7. München: 163’001 Reisen
  8. Mallorca: 145’681 Reisen
  9. Freiburg i.B.: 127’446 Reisen
  10. Amsterdam: 121’055 Reisen
  11. Stuttgart: 105’574 Reisen
  12. Rom: 98’707 Reisen
  13. Lissabon: 96’462 Reisen
  14. Venedig: 73’243 Reisen

Dabei gibt es grosse Unterschiede je nach Landesteilen. Während bei den Menschen aus der Westschweiz Paris, Barcelona oder Lissabon und Städte an der Mittelmeer-Küste sehr beliebt sind, zieht es Menschen aus der Deutschschweiz häufiger in deutsche Städte. Die folgende Karten zeigt die Anzahl Reisen mit Übernachtungen, die von Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz im Jahr 2015 getätigt wurden.

2. Hierhin verreisen die Menschen mit der Bahn

Stark ist die Bahn derzeit vor allem auf Verbindungen mit wenigen Stunden Fahrzeit. Die Autoren haben sechs Achsen herausgearbeitet.

  1. Genf-Paris: 18 Prozent aller aus der Schweiz mit dem Zug zurückgelegten internationalen Reisen mit Übernachtungen finden auf dieser Strecke statt.
  2. Schweiz-Milano-Napoli: Diese Achse macht 14 Prozent aller mit der Bahn zurückgelegten Fernreisen aus.
  3. Basel-Freiburg-Mannheim-Frankfurt-Köln-Dortmund: Auf dieser Achse finden 12 Prozent der Reisen statt.
  4. Zürich-München/Berlin: Diese Verbindung macht 8 Prozent der Reisen aus.
  5. Schweiz-Mittelmeer: 6 Prozent aller internationalen Bahnreisen finden auf dieser Achse statt.
  6. Zürich-Wien: Diese Verbindung macht 5 Prozent aus.

Die folgende Karte zeigt, wohin Menschen aus der Schweiz im Jahr 2015 mit der Bahn reisten.

3. Wo sollte das Angebot optimiert werden?

Zu den Achsen, auf denen laut der Studie bereits heute ein effizientes Angebot vorhanden ist, das aber noch optimiert werden könnte, gehören mit Hochgeschwindigkeitszügen bediente Ziele in einem Umkreis von etwa 500 Kilometern Dazu gehören in Frankreich Paris, Lyon, Valence und Montpellier, in Deutschland die Achse dem Rhein entlang bis Düsseldorf und in Italien Mailand, Bologna und Florenz.

Auch die Strecke Zürich-Stuttgart gehört laut den Autoren in diese Kategorie.

Dass der Anteil der Bahn als Verkehrsmittel bei Fernreisen abhängig ist von der Distanz und der Reisezeit, zeigt diese Grafik auf. Der Marktanteil der Bahn findet sich in der Kategorie «TC» («TIM» ist das Auto, «Avion» das Flugzeug).

4. Auf diesen Strecken besteht dringender Handlungsbedarf

Zu den Achsen, auf denen das Angebot deutlich verbessert werden sollte, gehören Ziele in einer Distanz von weniger als 500 Kilometer von der Schweiz, die heute vor allem mit dem Auto befahren werden.

Dazu gehören Verbindungen aus der Schweiz in die französischen Regionen Drôme, Ardèche und Provence, nach Bayern in Deutschland sowie ins österreichische Tirol rund um Innsbruck. Auch die Verbindung nach München wird in der Studie aufgeführt. Allerdings wurde das Angebot auf dieser Achse zuletzt deutlich verbessert.

5. Hier könnte sich ein neues Angebot lohnen

Die Autoren haben verschiedene Verbindungen mit einer Distanz von über 500 Kilometern ab der Schweiz identifiziert, die ein grosses Nachfragepotential aufweisen und bei denen sich der Aufbau eines Bahnangebots lohnen könnte.

In diese Kategorie fallen Verbindungen zwischen Genf und London, Brüssel und der Côte d’Azur, neue und schnellere Verbindungen zwischen Basel und Amsterdam, Norddeutschland oder Prag und Züge zwischen der Schweiz und Ligurien oder Süditalien.

Insgesamt sind die Autoren optimistisch. Die geografische Lage der Schweiz sei ideal für eine gute Anbindung ans europäische Eisenbahnnetz. Fast die Hälfte der Nachfrage nach Reisen innerhalb Europas könne perspektivisch mit dem Zug befriedigt werden – zumal auch die Bereitschaft für Zugreisen in der Bevölkerung hoch sei.

6. Wann steigen Reisende auf die Bahn aus?

Im internationalen Fernverkehr sind laut den Studienautoren die Reisezeiten und attraktive Preise zentral. Doch auch umsteigefreie Verbindungen und solche, die auch das Hinterland der jeweiligen Städte erschliessen, erhöhen die Attraktivität der Bahn.

Hinzu kommt der Faktor Komfort. Insbesondere für Geschäftsreisende sind etwa Business- und Ruheabteile zentral. Auch Infotainment-Systeme und Angebote für die Gepäckbeförderung können den Umstieg auf die Bahn befördern. Für Nachtzüge wiederum sind laut den Autoren Privatkabinen besonders geeignet, eine grosse Zahl von Reisenden anzusprechen.

7. Wo lässt sich die grösste Klimawirkung erzielen?

Um die CO2-Emissionen zu reduzieren, ist es laut der Studie zentral, Flüge zu europäischen Aviatik-Hubs auf die Bahn zu verlagern. Entsprechende Angebote – etwa aus der Schweiz an die Flughäfen Amsterdam-Schiphol oder Frankfurt – sollten verbessert werden.

Könnten die heutigen Zubringerflüge aus der Schweiz an diese europäischen Hubs ersetzt werden, könnten 59’000 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr eingespart werden. Das entspricht etwa 110 Kilogramm pro Passagier.

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