Trotz Erholung fehlt der Luftfahrt der Optimismus

Es geht aufwärts für die Schweizer Aviatik, zeigt die Mobimag-Auswertung. Bild: Robert Hrovat / Unsplash

An Schweizer Flughäfen steigt die Zahl der An- und Abflüge stark an. Ferienhungrige stürmen die Verbindungen in die Mittelmeer-Region, in die Türkei und nach Albanien. Doch im Europavergleich hinkt die Schweiz teils hinterher – und den Verantwortlichen ist nicht zum Feiern zumute.

von Stefan Ehrbar
13. Juli 2021

Der 2. Juli war ein spezieller Tag für den Flughafen Zürich. Zum ersten Mal seit über 15 Monaten wurden wieder mehr als 500 Starts und Landungen an einem Tag gezählt. Die Tafel mit den Abflügen gleicht dieser Tage einem Best-of der Reisekataloge: Schon morgens um 6 Uhr starten die ersten Flugzeuge nach Samos, Heraklion und Santorini, nach Pristina starten gleich mehrere Flüge innert weniger Minuten.

Tatsächlich zeigt die Zahl der Flüge seit Wochen steil nach oben. Dasselbe gilt für die Passagierzahlen etwa am Flughafen Basel, wie eine Spezialauswertung von Mobimag zeigt.

Alles gut also? Nein, sagten die Verantwortlichen.

Weit gefehlt. Denn der steile Anstieg kommt von einem Rekordtief aus. Die Zuwachsraten sind beachtlich, doch noch immer sind die Volumen weit vom Vorkrisenwert entfernt. Am ersten Juliwochenende wurden am Flughafen Zürich etwa 40 Prozent der Passagiere des gleichen Wochenendes im Jahr 2019 gezählt. Am Euroairport in Basel waren es 42 Prozent.


Dass wieder lange Schlangen vor den Check-Ins herrschen und gewisse Teile der Flughäfen wieder voll von Passagieren sind, liegt einerseits an den Schutzmassnahmen, die mehr Abstände nötig machen, andererseits aber auch daran, dass viele Airports wie Zürich im Vergleich zu 2019 nur einen Teil ihrer Infrastruktur in Betrieb genommen haben und viele Check-In-Schalter diesen Sommer geschlossen bleiben.

Hinzu kommt: Im Vergleich zu anderen europäischen Airlines verläuft die Erholung bei der grössten Schweizer Airline Swiss schleppend. Das hat vor allem zwei Ursachen:

  • Mehr als andere Airlines ist die Swiss auf Geschäftsreisende ausgerichtet. Derzeit findet das Geschäft aber vor allem mit Ferienreisenden statt. Business-Reisende dürften noch länger in grosser Zahl den Flugzeugen fernbleiben. Es wird erwartet, dass sich dieser Geschäftszweig später als die anderen wie Ferienreisen oder Besuche in der Heimat.
  • Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Schweiz zu klein für Flüge innerhalb des Landes, die von Einreise- oder Quarantäneregeln nicht betroffen sind. Während in Italien, England oder Frankreich Inlandflüge einen grossen Teil des Geschäfts der Airlines ausmachen, das sich zudem schneller erholt als andere, kann die Swiss nicht auf diesen Geschäftszweig setzen.

Zahlen von Eurocontrol verdeutlichen diesen Nachteil. Während beispielsweise die Swiss am 4. Juli im Vergleich zum selben Tag des Jahres im Jahr 2019 knapp 45 Prozent ihrer Flüge durchführte, waren es in ganz Europaknapp 60 Prozent der Flüge, die stattfanden. Dieser Unterschied von etwa 15 Prozentpunkten hat sich in den letzten Monaten immer gezeigt und auch nicht verringert. Ein Teil davon ist allerdings auch damit zu erklären, dass besonders Low-Cost-Airlines einen grossen Teil ihrer Kapazität zur Verfügung stellen, aber mit deutlich schlechteren Auslastungen fliegen. Ihre tiefere Kostenbasis erlaubt ihnen dieses Verhalten.

Für das Gesamtjahr 2021 rechnet die Swiss mit einem Angebot von rund 40 Prozent gegenüber 2019, wie Sprecher Marco Lipp sagt. Die durchschnittliche Kapazität für den Sommer liege bei 50 bis 55 Prozent gegenüber 2019 – ein Wert, der mittlerweile schon fast wieder erreicht wird. Mit dem Sommerferienbeginn in mehreren Kantonen am kommenden Wochenende, darunter Zürich, dürfte die Zahl der Flüge nochmals etwas zunehmen. Alles darüber hinaus ist aber Fliegen auf Sicht: Für den Herbst und den Winter könne die Swiss noch keine Aussage machen, sagt Lipp. «Die Reiselust ist gross, vor allem, was den Freizeit- und Besuchsreiseverkehr betrifft», sagt Lipp. 


In einem Vergleich der Schweizer Flughäfen mit den Lufthansa-Hubs in Frankfurt, München und Wien fällt zudem auf: In München erholt sich der Flugverkehr tendenziell langsamer als in Zürich, in Frankfurt etwa schneller, in Wien etwa im Gleichschritt. Am Flughafen Genf hingegen werden deutlich mehr Flüge durchgeführt als an den genannten.

Die Funktion des Flughafen Zürich als Hub der Swiss dürfte ihr damit zum Nachteil gereichen. Das erklärt die vergleichsweise gute Situation des Flughafen Genf, der keine Hub-Funktion hat. Der Airport der Westschweiz lebt von Punkt-zu-Punkt-Verbindungen und hat einen weniger grossen Langstrecken-Anteil, der von Zubringerflügen abhängig ist. Dieses Geschäft mit Flügen innerhalb Europas entwickelt sich derzeit überall deutlich schneller als das Geschäft der Netzwerk-Airlines.

Mit ein Grund ist, dass der für Netzwerk-Airlines wie die Swiss oder Air France KLM wichtige USA-Markt für Einreisende aus Europa nach wie vor geschlossen ist. Auch in Richtung Asien findet derzeit deutlich weniger Verkehr statt als vor der Krise. Wann und ob sich das ändert, dürfte massgeblich davon abhängen, wann die USA ihre Grenzen auch für Europäer wieder öffnet – und das wiederum dürfte davon abhängig sein, wie sich das weitere Impftempo in den USA und in Europa entwickelt und wie sehr die rasch um sich greifende Delta-Mutation weitere Lockerungspläne zunichte macht.

Für die Wochenenden im Juli erwartet der Flughafen Zürich zwar bis zu 55'000 Passagiere pro Tag, wie Sprecherin Manuela Staub sagt. Das sind aber nur knapp 50 Prozent des Passagieraufkommens von 2019 an diesen Spitzentagen. Das Angebot ist wieder gewachsen: «Neben der Swiss und Edelweiss, die ihren Flugplan entlang der zunehmenden Nachfrage ausgebaut haben, haben seit Mai auch die Airlines Aegean, Sunexpress, Eurowings, TAP, Croatia Airlines und Air Serbia ihr Angebot erhöht. Neu nach Zürich fliegen beispielsweise auch wieder Condor, Icelandair, Aeroflot und El Al.»

Eine Prognose für den Herbst und Winter will auch Staub nicht wagen. Das hänge vor allem vom weiteren medizinischen Verlauf und den Öffnungsschritten in den interkontinentalen Destinationen ab. Immerhin die Stimmung scheint gut zu sein, sagt die Flughafen-Sprecherin. «Wir erleben die Passagiere so, dass sie sich freuen, wieder reisen zu können und grösstenteils Verständnis haben, dass die Prozesse aufgrund der aktuellen Situation manchmal etwas länger dauern.»

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