Deutschland: Tempolimit fürs Spritsparen? // ÖV-Rezepte für englische Städte // Car-Sharing auf Wachstumskurs

Braucht es ein Tempolimit in Deutschland? Bild: C M / Unsplash

Die Benzinpreise steuern auf Höchststände zu. In Deutschland wird das Thema intensiv diskutiert. Ein Tempolimit auf Autobahnen könnte den Verbrauch deutlich senken. Ausserdem im Blick aufs Ausland: Car-Sharing wächst stark – und englische Städte haben grosse Probleme mit moderner Mobilität.

von Stefan Ehrbar
11. März 2022

Tempolimit, um Sprit zu sparen?

Die Benzin- und Dieselpreise steigen aus verschiedenen Gründen wie dem Krieg in der Ukraine derzeit stark an. In verschiedenen Ländern wird diskutiert, diesen Anstieg zu bremsen, indem etwa Notreserven angezapft werden oder Steuern vorerst nicht erhoben werden.

In Deutschland wird die Diskussion besonders heftig geführt. Der Mobilitätsforscher Stefan Gössling präsentiert im Interview mit riffreporter.de eine einfache Lösung, um den Verbrauch sofort senken zu können: Ein Tempolimit auf den Autobahnen.

Mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 Kilometer pro Stunde auf deutschen Autobahnen könnten 700’000 Tonnen Treibstoff pro Jahr gespart werden, zitiert er eine Studie des Umweltbundesamts. «Über zehn Jahre gerechnet wären das immerhin 150 Liter Treibstoff pro Auto in Deutschland. Die Massnahme könnte auch durch Tempo 80 auf Landstrassen und Tempo 30 in den Städten ergänzt werden», sagt er.

Eine solche Massnahme sei einfach umzusetzen. Zudem würde Deutschland damit ein Signal in die Welt senden. Das Tempolimit sei über Jahrzehnte «sakrosant» für die deutsche Politik gewesen: «Wenn die Autonation Deutschland jetzt ein Tempolimit einführt, würde sie demonstrieren, wie weit die Menschen und die Politik bereit sind, für den Frieden zu gehen.»

Zudem plädiert Gössling für eine Debatte zum Thema Grösse und Motorisierung der Fahrzeuge. Das sei bislang ein politisches Tabu gewesen. Auch die Vermeidung von Autofahrten müsse angegangen werden.

Moderne ÖV-Rezepte für historische Städte

Viele historische Städte in Grossbritannien sind schlecht vorbereitet für die moderne Mobilität und Bedürfnisse der Bevölkerung. «Enge Strassen, die für Fussgänger oder Reiter gebaut wurden, klobiges Kopfsteinpflaster und schiefe Giebelhäuser sind zwar schön, aber oft schwer zu begehen», schreibt das «Urban Transport Magazine».

Die verwinkelten Strassen, Einbahnstrassen und architektonischen Eigenheiten machten die Schaffung barrierefreier, benutzerfreundlicher ÖV-Systeme zu einem «planerischen Albtraum». Nichtsdestotrotz gebe es viele Möglichkeiten, wie diese Probleme überwunden werden könnten.

Patentrezepte gebe es nicht. Städte müssten ihre ÖV-Systeme ihren Einwohnern anpassen. Für alle würden aber gewisse Grundsätze gelten – etwa die Reduzierung des Autoverkehrs, die gute Verfügbarkeit und Zugänglichkeit des ÖV und die Förderung von Mikromobilität und On-Demand-Angeboten.

Das Portal zeigt am Beispiel von Cambridge auf, wie das gelingen könnte. Dort nutzten 54 Prozent der Bevölkerung regelmässig das Velo. Das Zentrum der Stadt ist eine sogenannte Luftreinhaltezone. Zudem sind die Strassen per se ungeeignet für das Auto und wirken abschreckend, weil sie häufig eng und gepflastert sind und es viele Einbahnstrassen gibt. Zudem hat die Stadt viele Parkplätze kostenpflichtig gemacht.

Ausserhalb der Stadt gibt es viele Park&Ride-Anlagen, die regelmässig von öffentlichen Verkehrsmitteln angefahren werden. Der nächste Schritt müsste laut dem Portal nun die Schaffung eines vernetzten «Park&Travel»-Systems sein, mit dem Autofahrer auf ein einfaches Zahlungs- und Buchungssystem zugreifen könnten.

Ein solches System müsste Parkplätze, die Buchung von ÖV-Fahrten, von Mikromobilitäts-Angeboten wie Leihvelos und die Möglichkeit zum Erwerb von Pendlerpaketen umfassen. Zudem sei es essenziell, dass ein solches System Flexibilität biete und etwa Dienste hinzugefügt oder entfernt werden könnten ohne Umbuchungsgebühren.

Carsharing in Deutschland im Aufwind

Carsharing ist in Deutschland so beliebt wie nie zuvor. Das zeigt die diese Woche veröffentlichte Statistik des Bundesverbands Carsharing e.V.

Zum Stichtag 1. Januar seien 3,393 Millionen Fahrberechtigte für Carsharing angemeldet gewesen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der angebotenen Fahrzeuge habe sich im gleichen Zeitraum um 15,2 Prozent auf 30’200 Autos erhöht. Zum Vergleich: Der Schweizer Marktführer Mobility betreibt knapp 3’200 Fahrzeuge.

In Deutschland ist das Angebot laut dem Portal carsharing.de auch in der Fläche stark gewachsen. Am 1. Januar gab es 935 Städte und Gemeinden mit einem Angebot, 80 mehr als ein Jahr zuvor. Neu hinzugekommen sind demnach vor allem kleinere Städte und Gemeinden im ländlichen Raum.

Allerdings beträgt der Anteil von Gemeinden mit unter 20’000 Einwohnern, die über ein Carsharing-Angebot verfügen, noch immer nur 5 Prozent. Bei Gemeinden mit 20’000 bis 50’000 Einwohnern sind es 49 Prozent, bei Gemeinden zwischen 50’000 und 100’000 Einwohnern sind es 74 Prozent.

Insgesamt verfügen 9 Prozent der Gemeinden in Deutschland nun über ein Carsharing-Angebot. Zum Jahreswechsel waren 7’030 der 30’200 Fahrzeuge Elektroautos, was 23,3 Prozent entspricht – knapp fünf Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. In ganz Deutschland betrug der Anteil der Elektroautos an der Autoflotte per 1. Oktober 2,1 Prozent.

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