Jüngere machen öfter den Fahrausweis, Sharing ist ein Männer-Ding und wer Homeoffice macht, ist weiter unterwegs

Trams sind in der Schweiz langsam unterwegs. Bild: Franceso Zivoli/Unsplash

Der Bund hat das Mobilitätsverhalten von Menschen in der Schweiz untersucht. Mobimag hat die Erkenntnisse des Mikrozensus Mobilität ausgewertet und zeigt einige erstaunliche Befunde auf – etwa, dass die meisten Autofahrer fast nie im Stau stehen oder dass Tram und Bus deutlich langsamer sind als E-Bikes.

von Stefan Ehrbar
10. Juli 2023

Alle fünf Jahre erhebt der Bund, wie sich Menschen in der Schweiz fortbewegen. Vor wenigen Wochen wurden die neuesten Daten veröffentlicht. Eigentlich hätten die Daten des «Mikrozensus Mobilität» im Jahr 2020 erhoben werden sollen. Wegen der Coronakrise wurde die Erhebung um ein Jahr verschoben.

Doch auch die nun vorliegenden Daten aus dem Jahr 2021 sind stark von der Coronakrise geprägt. In jenem Jahr war das gesellschaftliche Leben weiterhin stark eingeschränkt, in vielen Betrieben galt ein Homeoffice-Gebot und das Reisen war stark von Einschränkungen geprägt.

Deshalb sind viele Ergebnisse aus dem Mikrozensus mit Vorsicht zu geniessen. Dass etwa weniger Menschen im Jahr 2021 ein Abo des öffentlichen Verkehrs besassen und dass die zurückgelegten Distanzen weniger gross waren als in den Erhebungen zuvor, dürfte zu einem grossen Teil auf die Coronakrise zurückzuführen sein. Es sind Ergebnisse, die bereits heute nur noch anekdotischen Wert haben.

Das gilt allerdings nicht für alle erhobenen Daten. Mobimag hat sämtliche Indikatoren des neuesten Mikrozensus Mobilität durchgeschaut und präsentiert im Folgenden sechs Erkenntnisse, die auf tiefergreifende gesellschaftliche Umwälzungen und Ungleichheiten zurückzuführen sein dürften. Dabei handelt es sich um folgende Punkte:

  • Jüngere erlernen wieder häufiger das Autofahren: Zwischen 1994 und 2010 nahm der Führerausweisbesitz in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen von 71 auf 59 Prozent ab. Nun hat sich dieser Trend aber wieder gekehrt: 2015 lag der Anteil wieder bei über 60 Prozent, im Jahr 2021 gar bei 66 Prozent. Insgesamt besassen im Jahr 2021 83 Prozent der Erwachsenen einen Führerausweis für Personenwagen.
  • Sharing zieht bei Männern: Im Jahr 2021 waren 5,2 Prozent der Männer, aber nur 3,7 Prozent der Frauen Mitglied in einer Carsharing-Organisation. Während 20,3 Prozent der Männer Ride-Sharing/Hailing-Systeme nutzten, waren es bei den Frauen nur 15,8 Prozent. Am höchsten war die Quote der Mitgliedschaft in Carsharing-Organisationen bei den 25-64-jährigen mit 5,4 Prozent. Sie ist deutlich höher in städtischen Gebieten (6,0 Prozent) als in intermediären (2,6 Prozent) oder ländlichen Gebieten (1,5 Prozent). 21,1 Prozent der Erwachsenen in einem autolosen Haushalt sind Mitglied einer Carsharing-Organisation, aber nur 3,2 Prozent der Menschen in einem Haushalt mit einem Auto und 1,6 Prozent in einem Haushalt mit zwei oder mehr Autos.
  • Homeoffice sorgt für längere Distanzen: Die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, sorgt entgegen der Erwartungen nicht für kürzere zurückgelegte Distanzen – im Gegenteil. Einerseits verfügen Personen, die mindestens zum Teil von zu Hause aus arbeiten können, häufiger über ein ÖV-Abo als Personen, denen das nicht möglich ist (44,4 Prozent versus 28,3 Prozent) – und auch deutlich häufiger über ein GA (10,2 Prozent) als die Menschen ohne Homeoffice-Möglichkeit (6,7 Prozent). «Dies könnte mit dem sozioökonomischen Profil der Personen zusammenhängen, die in Berufsfeldern arbeiten, in denen partielles Home-Office besonders häufig vorkommt», schreibt das BFS. Menschen, die zumindest teilweise zu Hause arbeiten dürfen, legten 2021 im Durchschnitt mit 37,6 Kilometer auch leicht längere Wege zurück als die anderen (37,2 Kilometer). Sie waren mit 87,8 Minuten auch etwas länger unterwegs (82,7 Minuten). Das dürfte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass Menschen mit Homeoffice-Möglichkeit häufig Fernpendler sind, die zwar weniger oft, aber dann lange pendeln müssen. Andererseits dürften sie während der Homeoffice-Tage wegfallende Fahrten zur Arbeit mit solchen etwa zu Freizeitzwecken zu kompensieren.
  • Tram und Bus sind langsamer als E-Bikes: Die mittlere Geschwindigkeit der Benutzerinnen und Benutzer der Eisenbahn lag 2021 bei 61,4 Kilometern pro Stunde. Das Auto kam auf 38,1 km/h, das Motorrad auf 29,5 km/h. Schnelle E-Bikes lagen mit durchschnittlich 20,9 km/h sowohl vor der Kategorie Bus/Postauto (19,9 km/h) als auch vor dem Tram (15,6 km/h). Danach folgen das langsame E-Bike (14,6 km/h), normale Velos (12,8 km/h) und zu Fuss Gehende (4,2 km/h). Standzeiten etwa an Ampeln oder Haltestellen sind in diese Berechnung mit eingeflossen.
  • Der Besetzungsgrad der Autos sank weiter: Der mittlere Besetzungsgrad von Personenwagen ist weiter gesunken auf durchschnittlich 1,53 Personen pro Autos im Jahr 2021. Diese Berechnung ist nach Distanz gewichtet. Im Jahr 2015 hatte dieser Wert bei 1,56 gelegen, 1994 gar bei 1,63. Am tiefsten ist der Besetzungsgrad bei Fahrten zur Arbeit (1,09), gefolgt von Fahrten zur Ausbildung (1,3), Fahrten zu Einkaufszwecken (1,54) und Freizeitzwecken (1,89).
  • Die meisten stehen fast nie im Stau: Obwohl Klagen über den Stau zum Alltag gehören, sind Autofahrer kaum je davon betroffen. Auf die Frage, wie häufig sie in den letzten 12 Monaten auf dem Weg zur Arbeit oder Ausbildung im Stau gestanden sind, antworteten 47 Prozent der Autofahrerinnen und -fahrer mit «nie» und weitere 26 Prozent gaben an, das sei seltener als mehrmals pro Monat der Fall gewesen. Nur 6 Prozent standen mehrmals pro Monat im Stau, weitere 6 Prozent einmal pro Woche, 9 Prozent mehrmals pro Woche und 6 Prozent täglich. Bewohnerinnen und Bewohner von städtischen Gemeinden waren nicht mehr von Stau betroffen als solche von intermediären Gemeinden oder von ländlichen Gemeinden – mit 48 Prozent gaben sogar leicht mehr Autofahrerinnen und -fahrer aus Städten an, nie im Stau gestanden zu haben. Bei intermediären Gemeinden lag dieser Anteil 2021 bei 44 Prozent, bei ländlichen bei 47 Prozent.

Alle Erkenntnisse aus dem Mikrozensus Mobilität gibt es im Bericht des BFS (PDF-Dokument)

1 Comment

  1. Bei der Frage zum Stau möchte ich anmerken, dass hier offenbar den Befragten überlassen wurde, was man als Stau empfindet. Eventuell hat sich hier auch das Empfinden verändert. Stop and Go auf der Autobahn wird heute oft als normaler Stossverkehr wahrgenommen. Ich vermute, das hat sich in den letzten Jahren verändert.

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