Meinung: Der ÖV schützt seine Passagiere zu wenig vor Corona

Im ÖV gilt die Maskenpflicht. Und sonst? Bild: SBB
Die Coronakrise trifft den öffentlichen Verkehr hart. Alleine die SBB rechnen mit einem Loch von zwei Milliarden Franken, welches das Virus in die Kasse reisst. Es wird die Branche noch lange beschäftigen: Alleine der Zürcher Verkehrsverbund rechnet selbst für 2021 noch mit 160 Millionen Franken mehr Verlust als budgetiert, wie der abtretende Direktor Franz Kagerbauer der NZZ sagte.


Die Aufforderung, zuhause zu bleiben, die Homeoffice-Empfehlung des Bundes und der teils komplett weggebrochene internationale Verkehr – sie alle haben für leere Züge und Busse gesorgt. Zehn Prozent der GA-Kunden haben ihr Abo zurückgegeben. Die unsichere Lage wirft viele Fragen auf: Kommen die Pendler wieder zurück? Pendeln künftig wieder gleich viele Leute oder setzt sich das Homeoffice nach der Krise dauerhauft durch? Werden die städtischen Verkehrsbetriebe noch immer so viele Menschen transportieren – oder nimmt der Pendler der Zukunft lieber das Velo?

Dass die Branche auf sich schaut, indem etwa die SBB laut dem «Tages-Anzeiger» im Sommer gegen die Homeoffice-Empfehlung lobbyierte (was ihr CEO Vincent Ducrot bestreitet), ist vor diesem Hintergrund verständlich. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist es aber nur schwer vermittelbar.

Die Krise zeigt: Seine staatspolitische Verantwortung hat der ÖV nicht wahrgenommen. Von Betrieben, die zu einem grossen Teil von der öffentlichen Hand leben, hätte man erwarten können, dass sie alles machen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Schliesslich profitieren sie selbst am meisten davon, wenn die Krise schnell wieder unter Kontrolle gerät. Doch die Realität ist und war eine andere.

Die Branche wartete viel zu lange mit der Einführung einer Maskenpflicht. Sie musste schlussendlich vom Bund verordnet werden, weil sich die ÖV-Betriebe selbst nicht dazu durchringen konnten.


Als die Maskenpflicht erst einmal da war, machten die SBB und Co. klar: Ihre Durchsetzung interessiert sie nicht. Eine Ausdehnung auf die Bahnhöfe? Lieber nicht. Auch das musste schliesslich der Bund verordnen. Zusätzliches Kontrollpersonal? Kein Thema. «Unser Personal spielt nicht die Maskenpolizei», liess sich SBB-Urgestein Toni Häne zitieren.

«Ich trage keine Maske, solange die Politiker im Bundeshaus singen», sagte kürzlich ein Passagier in einem Zürcher Tram. Dass die Maske primär andere, nicht einen selbst schützt, zählte für ihn als Argument nicht. Zu befürchten hat er nichts. Kontrollen der Maskenpflicht im Schweizer ÖV sind so etwas wie der schwarze Schwan: Selten und höchst unwahrscheinlich.

Während die italienischen Bahnen Sitze sperrten und so für Abstand in den Zügen sorgten, war das in der Schweiz kein Thema. Die Ausreden der Branche waren vorhersehbar: Im offenen Schweizer System wäre so etwas nicht möglich, es bringe nichts, man müsse das nicht tun.

Aktionen wie jene der VBZ, die Gratis-Masken verteilten, blieben die Ausnahmen. Auch dafür fühlten sich die SBB nicht zuständig – mit der eher seltsamen Ausrede, dass nicht jeder Bahnhof eine Verkaufsstelle sei. Warum das davon abhielt, als Geste des guten Willens und zur Sensibilisierung zumindest in den Anfangszeiten der Maskenpflicht in den grossen Bahnhöfen Gratis-Masken abzugeben, bleibt ihr Geheimnis.

Desinfektionsmittel sucht man selbst Monate nach Ausbruch der Pandemie in öffentlichen Verkehrsmitteln vergeblich – aus Sicherheitsgründen. Doch auch an den Bahnhöfen sind die Spender ein rares Gut.

Und dann sind auch noch die Schlaumeier. Jene Passagiere, die am Bahnhof noch schnell ein Gipfeli und eine Cola kaufen, damit sie die nächste Stunde im Zug die Maske nicht aufsetzen müssen – schliesslich konsumieren sie ja. Man darf über die Sinnhaftigkeit von Massnahmen wie der Maskenpflicht streiten. Aber wenn sie gilt, dann für alle. Dass sie auf diese Weise umgangen wird, war schon seit Frühling 2020 klar. Jugendliche nutzen im Raum Zürich gar die Regellücke, um in S-Bahnen und Trams Partys zu feiern, berichtet der «Tages-Anzeiger».

Die Reaktion der SBB? Keine. Das Bundesamt für Gesundheit musste sich wieder einmal der Sache annehmen. Auf grosse Lust bei den ÖV-Betrieben, konstruktiv mitzuwirken, stiess es dabei nicht. Das legt zumindest die Berichterstattung des SRF zutage. Die Bahn bestätigte gegenüber dem Sender zwar, «dass man zusammen mit Postauto Massnahmen prüfe». Möglich wären etwa eine Flyer- oder Plakatkampagne. «Von einem Ess- und Trinkverbot ist aber nicht die Rede.» Natürlich.


Ob und wie viele Ansteckungen im ÖV verzeichnet werden, weiss niemand. Der ganz grosse Teil der Ansteckungen kann nicht nachverfolgt werden. Vom Zug- und Fahrpersonal zu verlangen, in einer sowieso schon aufgeheizten Stimmung noch die Maskenpflicht rigoros durchzusetzen, wäre ebenfalls unverhältnismässig. Doch selbst das Sicherheitspersonal, das eigentlich für solche Zwecke eingestellt wurde, kümmert sich nach einem subjektiven Eindruck kaum um die Einhaltung der Regeln.

Das Bild, das die Branche abgegeben hat, ist aber ein trauriges: Sie kann und will kein Vorreiter sein und setzt nur gerade das um, was verordnet wird. Dabei ginge es nicht einmal darum, Polizei zu spielen, sondern klare Regeln aufzustellen. Denn diese, das zeigt diese Pandemie ganz deutlich, haben an sich schon eine grosse Wirkung. Dass die ÖV-Branche das nicht getan hat, gereicht ihr nicht zum Vorteil.

Denn für das Vertrauen der Passagiere in den ÖV als sicheres Transportmittel ist dieses Verhalten Gift. Sich um die Gäste und ihre Sorgen zu kümmern, statt sie als «Beförderungsfall» zu sehen, der möglichst kostengünstig transportiert werden soll, muss künftig dringend wieder in den Vordergrund rücken.

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