
Die Basler Verkehrsbetriebe holen mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag alte Trams hervor. Sie fahren teure Zusatzkurse, die für die Stabilität nötig wurden. Begründet wird das mit Tempo 30 und der Aufhebung von Doppelhaltestellen. Wer kommt für die Kosten auf – und was bedeutet das für mobilitätseingeschränkte Menschen?
von Stefan Ehrbar
6. Dezember 2021
Jetzt holt Basel die alten «Cornichon»-Trams und die Anhänger wieder heraus. Ab dem Fahrplanwechsel werden diese vermehrt im Einsatz stehen, heisst es in einer Mitteilung der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB). Sie werden als Zusatzkurse eingesetzt. Das sei eine «fahrplan-stabilisierende» Massnahme. «Verkehrspolitische Anpassungen mit Verlangsamungen» wie die Einführung von Tempo 30 auf einigen Strassen, der Aufhebung von Eigentrassen und der Aufhebung von Doppelhaltestellen zwingen die BVB gemäss Mitteilung zu diesem Schritt. Die Pendler haben davon keinen Vorteil: Der Fahrplan wird nicht verdichtet.
Auf eine Verschlechterung gefasst machen müssen sich hingegen mobilitätseingeschränkte Personen. «Einzelne Kurse in der Hauptverkehrszeit am Abend werden über keinen Niederflureinstieg verfügen, da die Anhängerwagen keine Zulassung des Bundesamt für Verkehr (BAV) für das velofreundliche Gleis in der Bruderholzstrasse haben», schreiben die BVB.
Damit entstehen auch Zusatzkosten. Vor dieser Entwicklung hatte BVB-Direktor Bruno Stehrenberger im August im Mobimag-Interview gewarnt: «Die vermehrten 30er-Zonen tun uns sehr weh. Sie schlagen 1:1 auf den ÖV durch», sagte er damals. «Das wird sich nicht umkehren lassen. Wir müssen aber Gegensteuer geben.» Der ÖV in Basel sei schon heute zu langsam. Man schaue nun, wie sich das ändern lasse. Das sei aber in einer engen Stadt wie Basel nicht ganz einfach. Auch kämpften die BVB dafür, Eigentrasses zu halten. «Für zusätzliche ist die Stadt zu klein.»
Dass Tramlinien wegen Tempo 30 und anderen verkehrspolitischen Entscheidungen plötzlich nicht mehr behindertengerecht sind, kann im Jahr 2021 nicht im Sinne der Erfinder sein. Aber auch die Zusatzkosten dürften schmerzen.
Gemäss BVB-Sprecherin Sonja Körkel entstehen für die maximal vier Kurse, die gleichzeitig in den Hauptverkehrszeiten für etwa zwei Stunden im Einsatz stehen werden, Mehrkosten von rund einer Million Franken pro Jahr. «Die Mehrkosten für die Zusatzkurse übernimmt momentan die BVB», sagt Körkel zu Mobimag. «Wir stehen mit der zuständigen kantonalen Stelle diesbezüglich in Kontakt.»
Körkel begründet den Einsatz des alten Rollmaterials damit, dass mehr Kurse einen höheren Fahrzeugbedarf bedeuteten. «Da die Combino- und Flexity-Fahrzeuge bereits auf anderen Linien im Einsatz sind, müssen wir vermehrt auf die Altfahrzeuge zurückgreifen», sagt sie. Diese kämen zum Einsatz, bis neue Trams zur Verfügung stünden. Eine entsprechende Beschaffung von weiteren Flexity-Trams im Rahmen eines Optionsloses sei in Vorbereitung und müsse vom Grossen Rat und dem Regierungsrat beschlossen werden. «Beim günstigsten Ablauf des politischen Prozesses werden die Altfahrzeuge ab Mitte 2024 durch neue Flexity-Trams ersetzt», sagt Körkel.
«Verschiedene verkehrspolitische Anpassungen wie die Einführung Tempo 30 oder der Verlust von Eigentrasseen in Kombination mit der Einführung der Einfachhaltestellen führen dazu, dass sich der Innenstadtdurchlauf verlängert und somit für den gleichen Weg mehr Fahrzeit benötigt wird. Mit den Zusatzkursen wollen wir den Fahrplan stabilisieren und erreichen gleichzeitig, dass die Endaufenthalte an den Endhaltestellen jederzeit sicher gestellt werden können. Diese ermöglichen unseren Fahrdienstmitarbeitenden die Endaufenthaltskontrolle sowie eine kleine Verschnaufpause», so Körkel.
Vor einem ähnlichen Problem stehen auch die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Wegen der Einführung von Tempo 30 auf verschiedenen Strassenabschnitten in Wipkingen und Höngg benötigen die Busse der Linien 46 und das Tram 13 länger für ihre Umläufe. Damit wird ein Mehrbedarf an Fahrzeugen und Personal ausgelöst. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) als Besteller und Finanzierer des ÖV im Kanton Zürich will diese aber nicht übernehmen, weil die Stadt Zürich die Signalisierung von Tempo 30 eigenmächtig beschlossen habe (Mobimag berichtete).
Als Kompensationsmassnahme haben die VBZ vorgeschlagen, die Quartierbuslinie 38, die steile Gebiete in Höngg erschliesst, einzustellen und den Fahrplan des 46er-Busses am Sonntag auszudünnen. Der Widerstand aus der Bevölkerung insbesondere gegen die Einstellung des 38er-Bus ist aber riesig.
Die Stadt Zürich hat deshalb beim Regierungsrat gegen den Entscheid des ZVV rekurriert und verlangt eine Übernahme der Mehrkosten, die durch Tempo 30 entstehen. Ein Entscheid des Regierungsrats steht noch aus. Vorerst wird der 38er-Bus weiterfahren: Mindestens bis zur Klärung der Frage wird die Stadt Zürich die Mehrkosten für dessen Weiterbetrieb aus der eigenen Kasse bezahlen.
Bleibt auch der Regierungsrat bei seiner ablehnenden Haltung, kommen auf die Stadt Zürich gemäss Berechnungen der VBZ entweder Mehrkosten von über 20 Millionen Franken pro Jahr und einmalige Kosten von 75 Millionen Franken zu (Mobimag berichtete), oder das ÖV-Angebot muss reduziert werden. Immerhin: Dank der laufenden Ablieferung der Flexity-Trams steht das Reaktivieren von alten, hochflurigen Trams wie in Basel in Zürich derzeit nicht zur Debatte.
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