
Schiffe verursachen fast 14 Prozent aller Verkehrsemissionen der Europäischen Union (EU). Zwei Agenturen haben in einem Bericht analysiert, welche Auswirkungen auf die Umwelt die Schifffahrt hat – und zwar in Bezug auf Transportschiffe, aber auch Kreuzfahrtschiffe. Mobimag zeigt, wie letztere die Luft und das Wasser beeinflussen.
von Stefan Ehrbar
28. September 2021
Die Zahlen sind eindrücklich: 90 Prozent aller Güter weltweit werden über das Meer transportiert, eine Million Menschen beschäftigt die Branche. Gleichzeitig ist die Schifffahrt eines der grössten Umweltprobleme des Verkehrssektors. Wenige Schiffe sind für einen Anteil von 13,5 Prozent aller Verkehrsemissionen der EU verantwortlich. Das zeigt ein neuer Bericht der Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) und der Europäischen Umweltagentur (EEA) von Anfang September.
Während Frachtschiffe für das Funktionieren der Wirtschaft unerlässlich sind, ist das bei Kreuzfahrtschiffen anders. Sie dienen alleine Freizeitzwecken. Kreuzfahrten gerieten in jüngster Vergangenheit wiederholt in Kritik – nicht nur wegen den Emissionen, die sie verursachen, sondern auch wegen ihrem Gigantismus. Tausende Menschen landen mit den Schiffen gleichzeitig in Hafenorten wie Venedig oder Dubrovnik und rauben diesen Stätten ihre Seele, lautet eine häufig geäusserte Kritik. Hinzu kommt, dass Kreuzfahrtreisen doppelt dreckig sind: Sie bedingen eine Anfahrt zum Hafen, welche die meisten per Flugzeug zurücklegen.
Doch wie schlimm ist die Situation wirklich? Wie dreckig sind die schwimmenden Städte auf See, die Kinos, Achterbahnen und All-Inclusive bieten? Der Bericht gibt darauf einige Antworten – und sie fallen ernüchternd aus für die Branche.
1. CO2
Die 148 in der EU registrierten Passagierschiffe kamen laut der Studie im Jahr 2018 auf einen CO2-Ausstoss von 6,3 Millionen Tonnen CO2. Zum Vergleich: Alle 4,9 Millionen Autos in der Schweiz kamen laut Zahlen des Bundes im Jahr 2019 auf 10,6 Millionen Tonnen CO2-Ausstoss. Dieser Vergleich illustriert, wie gross das Problem der Kreuzfahrtschiffe ist.
Ein einzelnes Kreuzfahrtschiff ist laut Zahlen der Agentur zudem für fast doppelt so viele CO2-Emissionen verantwortlich wie ein Containerschiff – und für über viermal so viele wie ein durchschnittlicher Massengutfrachter in Europa.
Seit 1990 haben die Treibhausgas-Emissionen der Schifffahrt in Europa um 19 Prozent zugenommen. Seit 2008 sinken sie allerdings wieder.
CO2 ist für 91,32 Prozent der Erwärmungswirkung der Schifffahrt zuständig.
2. Russ (Black Carbon)
Schwarzer Kohlenstoff («Black Carbon», BC) ist ein licht absorbierendes Partikel, das bei der unvollständigen Verbrennung von organischen kohlenstoffbasierten Brennstoffen entsteh. Es absorbiert wegen seiner dunklen Farbe einen grossen Teil der Sonnenstrahlung und trägt damit direkt zur Erderwärmung bei – anders, als es früher gelegentlich behauptet wurde. Die negative Wirkung kann lokal stärker sein – so tragen etwa BC-Emissionen in der Arktis mehr zum Temperaturanstieg bei als anderswo.
Schätzungen zufolge beträgt der Anteil von BC an der globalen Erwärmungswirkung der Schifffahrt 6,85 Prozent. Zudem hat BC einen Einfluss auf die menschliche Gesundheit.
Insgesamt trägt der internationale Seeverkehr laut dem Bericht zu nur etwa 1-2 Prozent des globalen BC-Ausstosses bei. Wie viel freigesetzt wird, hängt hauptsächlich von der Art des Kraftstoffs, den Motoreneigenschaften und der Beladung ab.
Kreuzfahrtschiffe sind für 6 Prozent der BC-Emissionen des Seeverkehrs verantwortlich, obwohl sie weniger als 1 Prozent der weltweiten Flotte ausmachen. Keine andere Art von Schiffen schneidet so schlecht ab wie die Kreuzfahrtschiffe. Pro Kreuzfahrtschiff werden pro Jahr 10 Tonnen BC ausgestossen, pro Containerschiff 3,5 Tonnen und pro Öltanker nur 1,7 Tonnen.

3. Wasserverschmutzung und Unterwasserlärm
Verschiedene Teilsysteme an Bord von Schiffen können Abwässer erzeugen und so zur Wasserverschmutzung beitragen. Ein Teil davon geht auf den Einsatz von sogenannten Gaswäschern zurück («Exhaust gas cleaning system», EGCS»).
Die Einleitung von Wasser aus EGCS-Systemen ins Meer hat seit 2015 laut dem Bericht zugenommen, weil neue Normen für die Verwendung von schwefelarmen Kraftstoffen gelten.
Das Waschwasser für die Reinigung der Abgase der Schiffsmotoren wird dabei häufig ins Meer eingeleitet. Laut der Studie können diese Abwasser Schwermetalle und aromatische Kohlenwasserstoffe enthalten und damit potenziell für Meeresorganismen schädlich sein. Ein Problem sei das vor allem in Gebieten mit hohem Verkehrsaufkommen, etwa in Häfen, und in der Nähe von empfindlichen Gebieten wie Flussmündungen und BUchten.
Einleitungen von Stickstoff aus Abwässern können zudem in Gegenden wie der Ostsee erhebliche Auswirkungen haben, weil sie laut dem Bericht «zu einer Überanreicherung mit Nährstoffen beitragen können». Das führt zu Veränderungen im Gleichgewicht der Organismen und einer Verschlechterung der Wasserqualität. Schädliche Algen können sich so besser verbreiten, andere Arten dafür verschwinden – und mit negativen Auswirkungen auf die Fischbestände sind etwa auch Fischer davon betroffen.
In den letzten Jahren haben die Stockstoffeinleitungen von Schiffen mit dem Anstieg der Seefahrt zugenommen. Kreuzfahrtschiffe schneiden hier ebenfalls schlecht ab: Ein durchschnittliches Kreuzfahrtschiff kommt auf eine Einleitung von über 700 Tonnen Stickstoff pro Jahr.

Kaum ein Problem stellen bei Kreuzfahrtschiffen hingegen Rückstände der Lackierung dar, die ins Meer gelangen. Im Vergleich zu den anderen Schiffstypen sind diese Werte vernachlässigbar. Hier handelt es sich vor allem um Kupfer- und Zinkverbindungen, die von Anti-Fäulnis-Lackierung herrühren und sich ablösen.
Ebenfalls sehr gut schneiden Kreuzfahrtschiffe in Sachen Unterwasserlärm ab. Die moderne Antriebstechnologie der Schiffe führt dazu, dass diese kaum Unterwasserlärm verursachen. Dieser hat eine Reihe von negativen Effekten auf die Lebewesen im Meer.

4. Landstrom
Viele Kreuzfahrtschiffe werfen in den Häfen die dieselbetriebenen Generatoren an, um die Stromversorgung des Schiffes zu sichern, statt auf den möglicherweise teureren, aber saubereren Landstrom zurückzugreifen.
Das hat verschiedene Gründe. «Alle meine Schiffe wären für Landstrom ausgerüstet», sagte Pierfrancesco Vago, Chef des Schweizer Kreuzfahrtriesen MSC, kürzlich in einem Interview mit CH Media. «Aber es gibt nur eine Handvoll Häfen in Nordeuropa, die die Infrastruktur für die Versorgung von Kreuzfahrtschiffen bieten. Wir brauchen eine bessere Infrastruktur, aber auch nachhaltigen Strom. Ich warte noch immer!»
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