
Daten der deutschen Analysefirma Hystreet zeigen, wie viele Passanten jeden Tag an grossen Einkaufsmeilen Europas unterwegs sind, darunter auch Strassen in St. Gallen, Genf und Zürich. Mobimag hat die Daten analysiert. Diese Entwicklungen zeigten sich in den letzten Monaten – und diese Rolle spielt das Wetter.
von Stefan Ehrbar
22. November 2022
«Urbane und attraktive Innenstädte liegen uns am Herzen», schreiben die Chefs der Analysefirma Hystreet auf ihrer Internetseite. «Wir glauben fest daran, dass die Innenstädte auch in Zukunft Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens sein werden.» Die Passantenfrequenzen seien ein guter Messpunkt für die Attraktivität.
Zum Teil in Zusammenarbeit mit lokalen Händlervereinigungen hat die Firma in Dutzenden Einkaufsmeilen Europas Sensoren installiert, welche stündlich die Zahl der Passanten messen. Zu den bekanntesten Standorten gehören etwa die Neuhauser Strasse und die Kaufingerstrasse in München, die Zeil in Frankfurt am Main, die Kärntner Strasse in Wien oder die Kalverstraat in Amsterdam.
Auch in der Schweiz unterhält Hystreet fünf Messpunkte: Drei an der Zürcher Bahnhofstrasse (Nord, Mitte, Süd), einen an der St. Galler Multergasse und einen an der Rue de la Croix-d’Or in Genf. Mobimag hat diese Daten analysiert.
Die meistbesuchte Schweizer Einkaufsmeile ist die Zürcher Bahnhofstrasse im mittleren Abschnitt. Dort waren etwa im Oktober 1,12 Millionen Passanten unterwegs. An der Genfer Rue de la Croix-d’Or waren es 970’000, an der St. Galler Multergasse 377’000 Menschen.
Wie die Visualisierung zeigt, haben die Frequenzen zuletzt wieder deutlich zugenommen und sind höher als im Jahr 2021. Das passt zu Erkenntnissen der Branche: Gegenüber CH Media teilt etwa der Modehändler PKZ mit, die Frequenzen in den Läden seien im September erstmals wieder auf dem Niveau von 2019 gelegen. Beim Zürcher Warenhaus Jelmoli ist ebenfalls die Rede davon, dass sich die Frequenzen wieder ungefähr auf dem Niveau des Jahres 2019 vor der Pandemie bewegen.
Das hängt auch damit zusammen, dass der Onlinehandel nach einem starken Schub während der Coronakrise wieder etwas nachgegeben hat. Unter dem Strich dürfte er zwar laut Daten des Marktforschers Carpathia einen «Corona-Boost» von 13 Prozent verzeichnen (darunter versteht Carpathia das zusätzliche Wachstum ohne das jährlich sowieso stattfindende strukturelle Wachstum dank Verhaltensänderungen durch die Coronakrise), dieses Jahr aber holte der stationäre Handel wieder auf. In den ersten neun Monaten wurden in physischen Läden Waren im Wert von 4,5 Prozent mehr als in derselben Zeitperiode des Vorjahres abgesetzt. Die Innenstädte müssen also noch nicht abgeschrieben werden - allen Unkenrufen zum Trotz.
Allerdings hat sich das Einkaufsverhalten durchaus geändert. «Mal eben spontan über Mittag oder nach Feierabend zum ‹Schauen und Shoppen› gehen, weil man sowieso schon in der City ist, findet heute weniger häufig statt», sagt ein PKZ-Sprecher zu CH Media. Das liege etwa auch an mehr Homeoffice-Möglichkeiten. Kundinnen und Kunden kämen gezielter in die Läden, würden pro Besuch aber auch mehr Geld ausgeben.
Einen Einfluss auf das Offline-Shopping hat auch das Wetter, wie die Mobimag-Analyse zeigt – aber einen kleineren, als man vermuten könnte.
Im untersuchten Zeitraum vom 21. Juni 2021 bis 1. November 2022 waren durchschnittlich 32'970 Passanten pro Tag im mittleren Teil der Bahnhofstrasse unterwegs. An meisten waren es an bewölkten Tagen ohne Regen mit 35'576. Das sind aber nur gerade knapp 8 Prozent mehr als an einem durchschnittlichen Tag. Andererseits sind an regnerischen Tagen nur etwa 3'500 Passanten weniger unterwegs als an bewölkten Tagen.
In der nachfolgenden Tabelle zeigt sich der Einfluss der Temperaturen. Die Tage wurden unterteilt in solche mit Temperaturen bis 10 Grad Celsius, zwischen 10 und 20 Grad Celsius, zwischen 20 und 30 Grad Celsius und über 30 Grad Celsius.
Wenig erstaunlich sind an kalten Tagen mit Maximaltemperaturen bis 10 Grad Celsius weniger Menschen unterwegs, allerdings beträgt das Minus gegenüber dem Durchschnitt nur 3,8 Prozent. Auf der anderen Seite werden auch bei Temperaturen über 30 Grad Celsius 4,6 Prozent weniger Passanten gezählt als im Durchschnitt. Das könnte aber auch damit zusammenhängen, dass so hohe Temperaturen vor allem während der Sommerferien-Zeit vorkommen, in der weniger Menschen in der Stadt sind.
Insgesamt zeigt die Auswertung, dass der exemplarisch analysierte Passantenstrom an der Zürcher Bahnhofstrasse nur wenig abhängig ist von Wetter und Temperatur. Die Konsumentenstimmung und der normale Konsum-Zyklus mit einem Hoch in der Vorweihnachtszeit sind wohl die viel entscheidenderen Faktoren. Dieses Jahr sieht es danach aus, als würde es in Schweizer Einkaufsmeilen wieder so voll werden wie in den Jahren vor Corona.
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