Die SBB will ihre Passagiere in Echtzeit tracken

Wo gehen sie hin? Das will die SBB genau wissen. Bild: Tomek Baginski / Unsplash

Mit Sensoren zählt die SBB in ihren Bahnhöfen die Passagiere. Künftig will sie das auch in Echtzeit machen können. Zudem sollen die Messgeräte an viel mehr Bahnhöfen eingebaut werden. Das könnte auch den Einnahmen der Geschäfte zugute kommen.

von Stefan Ehrbar
20. April 2021

Im vergangenen Jahr nutzten 295’000 Menschen jeden Werktag den Zürcher Hauptbahnhof. Das sind 36 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Gar 38,2 Prozent weniger Besucher pro Werktag zählte die SBB am Bahnhof Zürich Hardbrücke. In Luzern lag das Minus bei 37,1 Prozent und im Bahnhof Bern waren mit 228’000 Menschen 30,9 Prozent weniger Pendler unterwegs als im Vorjahr.

Woher die SBB das weiss? Sensoren spielen eine entscheidende Rolle. An 17 Bahnhöfen in der Deutschschweiz sind zurzeit Sensoren verbaut, die unter anderem aufzeichnen, wie viele Menschen eine bestimmte Passage durchschreiten. So lässt sich die Zahl der Bahnhofsbesucher genau errechnen.

Nun will die SBB deutlich mehr Daten sammeln. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichen Vorankündigung einer Beschaffung hervor. Demnach sucht die Bahn nach einem Lieferanten für ein neues Personentrackingsystem (PTS). «Die SBB betreibt seit mehreren Jahren ein PTS an mehreren Bahnhöfen», heisst es in der Ausschreibung. «Mit diesem können in einem begrenzten Bereich die Positionen der Personen räumlich und zeitlich genau abgebildet werden.» Diese Daten würden in der Folge zur Messung des aktuellen Zustandes etwa der Bereiche Sicherheit, Funktionalität und Komfort, der Publikumsanlagen, zur Wirkungsmessung von Pilotversuchen und zur Weiterentwicklung von Regelwerken und Grundlagen eingesetzt.

Jetzt soll das PTS erweitert werden. Nicht nur soll es auf neue Standorte und Messflächen ausgedehnt werden, wie die Bahn schreibt. Künftig sollen die Daten auch in Echtzeit geliefert werden. Bis Ende Mai können sich interessierte Firmen bewerben.

Doch wofür braucht die SBB Echtzeitdaten? Für die in der Ausschreibung genannten Zwecke scheint dies nicht nötig. Eine SBB-Sprecherin gibt darauf keine Antwort. Es handle sich erst um eine Vorankündigung, schreibt sie auf eine entsprechende Anfrage. Erst mit der geplanten Ausschreibung werde das definitive Pflichtenheft erarbeitet. Das geforderte Anforderungsprofil zeigt aber auf, wohin die Reise geht: Firmen, die das PTS liefern wollen, müssen etwa Erfahrungen im Betrieb «mindestens eines Standortes mit mindestens zwei verknüpften Sensoren mit automatisierter Personenzählung oder Tracking» vorweisen können. Beim Tracking wird nicht nur die Anzahl der Personen auf einer Fläche gezählt, sondern die Wege von Personen werden nachgezeichnet. So lässt sich eruieren, auf welche Art und Weise sich Personen im Bahnhof fortbewegen. Diese Daten können etwa genutzt werden, um Hindernisse zu erkennen und auszuräumen – aber auch, um den Standort von Läden zu optimieren, um den Umsatz zu erhöhen.

Ob die SBB ähnliches plant, verrät sie noch nicht. Sicher ist aber, dass Sensoren für kommerzielle Zwecke eingesetzt werden können – und bereits wurden. Vor fünf Jahren kündigte der Kioskriese Valora als wahrscheinlich wichtigster Mieter in SBB-Bahnhöfen an, mittels WLAN-Sensoren die Wege der Nutzer in einem Kiosk im Zürcher Hauptbahnhof aufzuzeichnen. Die Sensoren sollten Signale der Smartphones empfangen. Die Daten sollten zur Optimierung des Filialnetzes, der Öffnungszeiten oder des Personaleinsatzes genutzt werden. «So sehen wir, ob der Kunde nach dem Kaffeekauf im Spettacolo auch noch einen Brezelkönig besucht und wie treu er uns ist», sagte damals Valoras Digital Innovation Manager zur «Schweiz am Sonntag». Daraufhin prasselte heftige Kritik auf den Konzern ein, auch Datenschützer kritisierten die Datensammlung.

Mit Sensoren sammelte Valora Daten für ihre Kioske. Bild: Valora

Das Projekt wurde durchgeführt und im Februar 2017 beendet. Die Valora habe daraus Erkenntnisse gewinnen können, die etwa zur Einsatzplanung oder zur Gestaltung der Öffnungszeiten genutzt werden konnten, sagt Sprecher Martin Zehnder zu Mobimag. Die aggregierten Daten hätten sich zu keinem Zeitpunkt einer bestimmten Person zuordnen lassen. Weitere Projekte mit WLAN-Sensoren seien nicht durchgeführt worden.

Allerdings setzt Valora an einzelnen Standorten weiterhin optische Sensoren ein. Diese messen die Körpergrösse und Bewegungsmuster. «Sie liefern uns Informationen darüber, wie viele Menschen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer definierten Zone vor der Verkaufsstelle aufhalten», sagt Zehnder. «Dadurch kann die Frequenz gemessen werden.» Diese Daten dienten dem Warteschlangenmanagement. «Ziel ist es, die Kundinnen und Kunden schneller bedienen zu können, indem sich Personal, das mit der Zubereitung von Produkten beschäftigt ist, im Bedarfsfall den anstehenden Kundinnen und Kunden zuwenden kann.»

Technisch ausgereifter ist die Gesichtserkennung, die Valora in ihrem sogenannten «Future Store» im Zürcher Hauptbahnhof testen wollte. Im April 2019 gab der Konzern bekannt, dass der Einsatz von Gesichtserkennung geplant sei und dass damit etwa bei der Kaffeemaschine und beim Tabakautomaten personalisierte Einkaufsvorschläge gemacht werden könnten – «dies allerdings nur mit ausdrücklichem Kundeneinverständnis und auf absolut freiwilliger Basis», sagt Zehnder.

Der Laden wurde mittlerweile geschlossen. Von der Gesichtserkennung verabschieden will sich die Valora deshalb nicht: «Ob, wo und wann sie zum Einsatz kommt, ist offen», sagt Sprecher Martin Zehnder.

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