
Die Elektroluftfahrt bricht dank leiserer Antriebe, sinkender Betriebskosten und strengerer Klimaziele in eine neue Ära auf. Die ersten rein elektrisch betriebenen regionalen Flugzeuge stehen in der Streckenerprobung, ein wichtiger Schritt nach den hybrid-elektrischen Konzepten.
von Peider Trippi,
2. September 2026
Das amerikanische Unternehmen Ampaire flog im Rahmen eines einmonatigen Demonstrationsprogramms im November 2020 mit der in Hawaii ansässigen Mokulele Airlines Testflüge mit einer EEL Cessna 337 (Skymaster) durch. Ampaires hybrid-elektrisches EEL verwendet eine parallele hybrid-elektrische Push-Pull-Konfiguration. Der vordere Kolbenmotor wurde durch einen Elektromotor mit Batteriesystem ersetzt, während der Schubpropeller von einem herkömmlichen Verbrennungsmotor angetrieben wird. Die EEL ist in erster Linie ein Testflugzeug für die Entwicklung leistungsstarker Elektronik, Wechselrichter, Motoren und verwandter Systeme. Im Juli 2022 absolvierte das EEL-Demonstrationsflugzeug den längsten Nonstop-Flug, der je von einem Hybrid-Elektroflugzeug gemacht wurde – 1826 Kilometer. Nun werden erste rein elektrische Flugzeuge in mehrmonatigen Flugtests eingesetzt.
Erstflug der voll elektrischen X1
Der Flug des Demonstrationsflugzeugs X1 (siehe Titelbild) fand am 12. August 2026 auf dem Testgelände von Heart am Plattsburgh International Airport statt, einem regionalen Verkehrsflughafen im Norden des Bundesstaates New York. Der Flug (Video dazu) dauerte 27 Minuten. Dabei erreichte die X1 eine Höhe von 1.100 Fuß über Grund (335 Meter), und ihr vollelektrisches Antriebssystem lieferte mehr als ein Megawatt Leistung. Die X1 ist ein massstabsgetreuer Demonstrator, der das Serienflugzeug ES-30 von Heart repräsentiert. Sie dient der Validierung wichtiger Technologien, der Aerodynamik und Flugleistung sowie der organisatorischen Fähigkeiten von Heart. Die zukünftige ES-30 ist ein konventionelles, 30-sitziges Hybrid-Elektro-Regionalflugzeug mit festen Tragflächen, das für die FAA-Zulassung nach Part 25 entwickelt wird. Grosse Fluggesellschaften wie United Airlines, Air Canada und JSX haben bereits ihre Zusage gegeben.
Der Flug wurde im Rahmen eines Sonderlufttüchtigkeitszeugnisses der FAA in der Kategorie „Experimentelle Flüge“ durchgeführt. Das Testprofil umfasste Rollen, Start, Steigflug, Manöver und Landung. Ziel der Mission war die Demonstration eines elektrischen Flugbetriebs. Der vollständig batteriebetriebene X1-Flug verbrauchte bei seinem Erstflug Strom im Wert von etwa 5 US-Dollar. Dies unterstreicht das Potenzial des elektrischen Antriebs, die Betriebskosten von Flugzeugen strukturell zu senken und gleichzeitig die Fluggesellschaften von der Volatilität der globalen Ölmärkte zu entkoppeln.
„Mit dem Erstflug der X1 hat Heart Aerospace den elektrischen Flugbetrieb im Massstab eines Verkehrsflugzeugs demonstriert“, sagte Anders Forslund, Gründer und CEO von Heart Aerospace. „Elektrische Verkehrsflugzeuge haben das Potenzial, die Wirtschaftlichkeit von Fluggesellschaften grundlegend zu verändern und letztendlich die Kosten für Flugreisen zu senken. Dies ist der Kern unserer Vision von einem flächendeckenden Flugverkehr, bei dem die Elektrifizierung einen günstigeren, häufigeren und umweltfreundlicheren Flugverkehr zu und von Flughäfen in der Nähe des Wohnorts ermöglicht.“

Elektroflugzeug ALIA von BETA Technologies
Während die BETA CX300 ALIA in den USA bereits umfangreichen Tests unter nahezu realen Einsatzbedingungen unterzogen wurde, darunter einige transkontinentale Flüge (mit mehreren Zwischenlandungen) und die Teilnahme am AFWERX-Programm des US-Militärs, wurde ein bisher grösstes angelegtes Testprogramm in Norwegen durchgeführt. In Zusammenarbeit zwischen Bristow Norway, BETA Technologies, Avinor und der norwegischen Zivilluftfahrtbehörde erfolgten sechsmonatige Testflüge.
Die Wahl Norwegens ist nicht zufällig, denn das nordische Land, das bereits bei der Elektromobilität an Land mit der Einführung von Elektroautos und Fähren führend ist, hat sich auch verpflichtet, seinen inländischen Flugverkehr so schnell wie möglich zu dekarbonisieren. Die ersten Tests mit vollelektrischen Flugzeugen in Norwegen fanden bereits 2018 statt, als der Flughafenbetreiber Avinor mehrere Demonstrationsflüge mit dem zweisitzigen Flugzeugtyp Pipistrel Velis durchführte. In den letzten Jahren haben auch andere norwegische Fluggesellschaften, wie beispielsweise die Regionalfluggesellschaft Widerøe Programme zur Evaluierung der Elektromobilität im norwegischen Inlandsflugverkehr aufgelegt. Bristow engagiert sich seit Langem im Bereich der fortschrittlichen Luftmobilität. Neben diesem Gemeinschaftsprojekt mit BETA Technologies besteht ein offener Auftrag von Vertical Aerospace über 50 eVTOL-Flugzeuge mit einer Option auf weitere 50 Stück. Gemeinsam mit dem britischen Start-up plant Bristow, schlüsselfertige Servicepakete für eVTOL-Betreiber anzubieten.
Der BETA Technologies CX300 ALIA-Demonstrator traf in Norwegen ein, nachdem er mehrere Wochen lang durch Europa gereist war und Stationen in Irland, Grossbritannien und Frankreich, wo er an der Flugvorführung der Pariser Luftfahrtschau 2025 teilnahm, sowie in Deutschland, Luxemburg und Dänemark gemacht hatte. Im Rahmen des sechsmonatigen Testprogramms hatten die Partner die operative Leistungsfähigkeit der BETA CX300 auf Flügen zwischen den Flughäfen Stavanger (SVG) und Bergen (BGO) im Südwesten Norwegens evaluiert. Die Flüge werden von Bristow Norway, der norwegischen Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Konzerns, in Zusammenarbeit mit dem norwegischen staatlichen Flughafenbetreiber Avinor und der norwegischen Zivilluftfahrtbehörde (CAA Norway) durchgeführt.
Für die norwegische Zivilluftfahrtbehörde war die Teilnahme an diesem einzigartigen Demonstrationsprogramm in vielerlei Hinsicht eine bereichernde Erfahrung. „Wir haben eine erste Version eines regulatorischen Testfelds eingerichtet und können nun evaluieren, wie die verschiedenen Sicherheitsvorschriften im Kontext dieses neuen Technologiekonzepts funktionieren. Zudem entwickeln wir unsere Sicherheitsmethodik weiter, um sie besser an die Bedürfnisse eines Innovationsumfelds anzupassen und unsere Kompetenz in diesen Technologien zu erweitern. Ein weiteres wichtiges Ergebnis des Programms ist die Entwicklung von Erkenntnissen und Wissen in der Zusammenarbeit – basierend auf dem sehr geschätzten Vertrauensverhältnis zwischen unseren professionellen Partnern“, sagte Jan Petter Steinland, Direktor Strategische Analyse & Transformation. Hierzu den ganzen Beitrag in Englisch.
Im Anschluss wurden in Schottland weitere Testflüge durchgeführt. Loganair, die grösste Regionalfluggesellschaft Grossbritanniens, Royal Mail (britische Post) und BETA Technologies konnten im April 2026 den erfolgreichen Abschluss des ersten Demonstrations-Flugprogramms für elektrische Flugzeuge in Grossbritannien vermelden. Innerhalb von zehn Tagen absolvierte das elektrische Flugzeug ALIA CTOL (konventioneller Start und Landung) von BETA 23 Flüge, darunter 18 Flüge in Schottland, die Glasgow, Dundee, Aberdeen, Inverness, Wick und Kirkwall verbanden. Dabei legte es über 1800 Kilometer in 11,2 Flugstunden zurück. Die Flüge umfassten repräsentative Postrouten der Royal Mail, die für die Zustellung in einige der abgelegensten Gemeinden Schottlands unerlässlich sind. Nach dem Erfolg dieses Programms haben Loganair und BETA Technologies eine Absichtserklärung unterzeichnet, um den Umfang ihrer Zusammenarbeit auszuweiten und das Flugzeug im gesamten Loganair-Netzwerk weiter zu testen. Dieses vollelektrische CTOL-Flugzeug ist eine der vielversprechendsten Entwicklungen in einer Branche, die bisher Schwierigkeiten hatte, den Erwartungen mit konkreten Ergebnissen zu entsprechen.

Hybridelektrischen Testbetrieb auf 9000 Meter
GE Aerospace erhielt 2021 erstmals den NASA EPFD-Auftrag, um die Flugbereitschaft von Hybrid-Elektro-Technologien für Single-Aisle-Flugzeuge zu demonstrieren. Die Testkampagne wurde durch das vollständig integrierte Megawatt- und Multi-Kilovolt-Hybrid-Elektroantriebssystem von GE Aerospace ermöglicht, das im Rahmen des NASA-Projekts Electrified Powertrain Flight Demonstration (EPFD) entwickelt wurde. Die rechte Seite des EPFD-Flugzeugs, einer Saab 340B, wurde für die Flugtests mit einem hybridelektrischen System modifiziert, das in einer umgedrehten Triebwerksgondel untergebracht ist und für zusätzliche Belüftung sorgt. Das System umfasst von GE Aerospace entwickelte Motor-Generatoren, Stromrichter und Wechselrichter, Steuergeräte, Getriebe von Avio Aero, Propeller von Dowty, Wärmetauscher von Unison, Drehmomentsensoren und Kabelbäume sowie ein CT7-Triebwerk. BAE Systems lieferte die verwendeten Batterien, und die Boeing-Tochter Aurora Flight Sciences stellte die komplette Triebwerksgondel zur Verfügung.
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