Fehlende Wagen, dreckige WCs, stundenlange Verspätungen: Das sind die Probleme der Nachtzüge – und das bessert die SBB 2024

Die Nachtzüge machen derzeit viele Probleme. Bild: ÖBB

Sie sind oft verspätet, Rollmaterial fehlt und die Sauberkeit lässt teilweise zu wünschen übrig: Nachtzüge werden als klimafreundliche Alternative beworben, doch viele Passagiere sind nach Reisen mit ihnen verärgert. Das bestätigt selbst die SBB. Die Bahnen versprechen Besserung – und präsentieren Schuldige für die Misere. 

von Stefan Ehrbar
8. August 2023

Der Idealfall des Nachtzugs sieht so aus: Am Abend steigen Passagiere im Stadtzentrum in den Zug, beziehen ein gemütliches Abteil mit Bett und wenn sie am nächsten Morgen zu einem frischen Frühstück aufwachen, reicht die Zeit noch zum Packen, bevor der Zug pünktlich in den Zielbahnhof einfährt. Die Reise ist nicht nur klimafreundlich, sie spart auch noch eine Hotelübernachtung. Mit dem Idealfall haben Reisen in den Nachtzügen derzeit nicht viel gemein.

Oft müssen Passagiere mit einem Sitzplatz im hell erleuchteten Grossraum-Wagen Vorlieb nehmen statt mit dem gebuchten Bett oder Platz im Liegewagen, weil ihr Wagen fehlt. An Schlaf ist dann nicht zu denken. Dieses Problem stellt sich etwa auf der Verbindung von Zürich nach Wien, wo permanent ein Liegewagen fehlt und auf jener von Zürich nach Berlin, auf der es an Schlaf- und Liegewagen mangelt.

Die Passagiere erfahren davon oft erst am Bahnhof. Die Angabe von Kontaktinformationen ist bei der Buchung nicht obligatorisch. Im schlimmsten Fall fällt ihr Nachtzug ganz aus, wie etwa unwetterbedingt Mitte Juli bei den Nachtzügen nach Wien und Graz. Während Unwetter schwerlich der Bahn angelastet werden können, hätte sie beim Service mehr tun können. Eine Ersatz-Unterkunft wurde nicht angeboten. 

Einschränkungen gibt es auch bei der Erreichbarkeit von Destinationen. So fuhr der Nachtzug von Zürich nach Hamburg wegen einer Baustelle bis Ende Juli nur bis Hannover, wo die Passagiere um 6 Uhr morgens umsteigen mussten. Das Problem ist schwer zu lösen: Bauarbeiten sind nötig – und werden oft in der Nacht durchgeführt, um möglichst wenige Passagiere zu stören.

Ankreiden lassen müssen sich die Bahnen dafür Probleme mit der  Pünktlichkeit. Der Nachtzug aus Amsterdam erreichte Zürich beispielsweise in den letzten Wochen mehrfach mit bis zu zweieinhalb Stunden Verspätung, auch die Züge aus Berlin und Wien waren oft über eine halbe Stunde zu spät am Ziel.

Problematisch ist auch der Zustand der Nachtzug-Wagen. Mobimag sind mehrere Fälle aus der jüngsten Vergangenheit bekannt, in denen ein grosser Teil der WCs schon zu Beginn der Reise wegen Defekten gesperrt war und die übrigen teils stark verschmutzt. Reisende beschweren sich öffentlich über «völlig verdreckte WCs». Die Bahnen machen gerade keine Werbung für die Reise mit dem Nachtzug. Doch warum sind die Probleme so gross?

Die meisten Nachtzüge von und in die Schweiz werden unter dem Namen «Nightjet» von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) in Kooperation mit den SBB betrieben, die etwa beim Vertrieb und beim Rollmaterial involviert ist. Die ÖBB baute das Geschäft vor einigen Jahren wieder auf, nachdem sich Bahnen wie die SBB oder die Deutsche Bahn davon verabschiedet hatten.

Der Unterhalt der meisten Nachtzug-Wagen findet denn auch in Österreich statt, was zur Folge hat, dass diese alle paar Tage nach Wien müssen. Geht unterwegs etwas kaputt, gibt es keine Mechaniker, die schnell etwas reparieren könnten. Und das geschieht oft, denn die Wagen sind jahrzehntealt und pannenanfällig.

Die Probleme mit dem Rollmaterial sind bekannt – und hätten längst behoben sein sollen. Im Jahr 2018 hat die ÖBB beim deutschen Hersteller Siemens neue, komfortable Nachtzug-Kompositionen bestellt. Doch Siemens hat Verspätung: Statt wie geplant im letzten Jahr sind die Züge noch immer nicht unterwegs. Das hat zur Folge, dass die ÖBB beinahe keine Reserven für ihre Nachtzüge hat und sich jeder Defekt bemerkbar macht. Für den Nachtzug von Zürich nach Amsterdam mussten die SBB gar bei einer deutschen Firma alte Wagen anmieten, wie CH Media berichtete.

Die ÖBB schreibt auf Twitter, das Warten auf die neuen Nightjets bedeute auch, «dass wir weniger Nightjet-Wagen auf Reserve halten können und es daher vermehrt zu Ausfällen einzelner Wagen kommt». Und: «Wir können nicht leugnen, dass wir bei den aktuell betriebenen Nightjet-Linien an die Kapazitätsgrenzen stossen». Die Unpünktlichkeit schiebt ÖBB-Vorstandsmitglied Klaus Garstenauer der Deutschen Bahn in die Schuhe: Die nächtliche Durchquerung Deutschlands stelle «Nacht für Nacht eine Herausforderung dar», schreibt er.

Die desolate Situation ist auch Lennart Fahnenmüller aufgefallen, einem Unternehmensberater für den Schienenverkehr, der auf Twitter zu Nachtzügen schreibt. Gegenüber spiegel.de lobt er zwar das Engagement der ÖBB. Es sei aber so, dass deren Verbindungen teils grosse Verspätungen hätten und der ÖBB in vielen Nächten zwei bis drei Liege- oder Schlafwagen fehlten: «Das trifft 50 bis 100 Reisende – pro Nacht».

Die Reserve sei durch den Ausbau des Netzes auf ein Minimum geschrumpft. Gleichzeitig seien die Nachtzüge oft ausgebucht. «So landen die Probleme in der Hauptreisezeit viel häufiger beim Fahrgast.» Er habe Verständnis für Ausfälle, aber der Service müsse deutlich besser werden.

Ähnlich sieht das die SBB. «Wir sind mit der aktuellen Situation in unseren Nachtzügen unzufrieden und entschuldigen uns bei betroffenen Kundinnen und Kunden für allfällige Unannehmlichkeiten», sagt Sprecherin Sabrina Schellenberg.

Die Liege- und Schlafwagen auf den Zügen nach Wien und Berlin fehlten wegen Rückständen bei der Revision der Fahrzeuge durch die ÖBB. Wie lange noch, hänge von der Abarbeitung ab. Wenn die gebuchte Kategorie ausfalle, könnten Kundinnen und Kunden ihre Reise entweder kostenlos stornieren, eine Kategorie tiefer wählen (also etwa Liege- statt Schlafwagen oder Sitzplatz statt Liegewagen) und bis zu 50 Prozent Erstattung erhalten oder zwei Kategorien tiefer wählen und bis zu 100 Prozent Erstattung erhalten. Die Rede ist dann von einem «Downgrade».

Die Verfügbarkeit der WCs wiederum habe «in letzter Zeit nicht unseren Anforderungen entsprochen». Die betroffenen Wagen seien in Reparatur. Grund seien technische Probleme und Ausfälle. Die Verspätungen wiederum führt die Sprecherin auf häufige Baustellen im Ausland zurück, die insbesondere in Deutschland stark zugenommen hätten. Der Kundschaft bleibt das alles nicht verborgen: «Wir erhalten vergleichsweise viele Rückmeldungen zu den Nachtzügen», sagt Schellenberg – vor allem in Bezug auf Downgrades.

Immerhin: Ab 2024 soll die Bahn dank einem moderneren Vertriebssystem die Möglichkeit haben, alle Kundinnen und Kunden zu kontaktieren und bei Problemen zu informieren. Denn ab nächstem Jahr wird die Angabe der E-Mail-Adresse bei der Buchung eines Nachtzuges Pflicht. Schellenberg verspricht: «Die SBB und ihre Partnerbahnen setzen alles daran, um die Situation weiter zu verbessern.»

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