
Mehr Elektroautos als die Nachbarn, wenig Ladestationen und viel Aufholbedarf im Vergleich zu den Klassenbesten: So lässt sich der Stand der Elektrifizierung des Autoverkehrs in der Schweiz zusammenfassen. Mobimag hat die neuesten nationalen und internationalen Daten analysiert – und zeigt, wie einzelne Autohersteller abschneiden.
von Stefan Ehrbar
12. Dezember 2022
Im dritten Quartal dieses Jahres gab es schlechte Nachrichten in Sachen Elektrifizierung: Der Anteil der Elektroautos und Plug-In-Hybride an den Neuzulassungen in der Schweiz sank im Vergleich zu den Vormonaten erstmals wieder (Mobimag berichtete).
Doch diese Entwicklung könnte vorübergehender Natur sein und Problemen etwa in den Lieferketten geschuldet sein. Denn im europaweiten Vergleich spielt die Schweiz weiterhin vorne mit, wenn es auch grossen Nachholbedarf bei den Ladestationen gibt. Das zeigen neue Daten des International Council on Clean Transportation (ICCT), von Auto-Schweiz und dem Bundesamt für Statistik (BFS), die Mobimag ausgewertet hat.
Den «Point of No Return» haben Elektroautos in der Schweiz längst überschritten. Ab einem Marktanteil von etwa 5 Prozent gehen Experten davon aus, dass eine neue Technologie sich nicht mehr aufhalten lässt. In der Schweiz wurde diese Marke bei den rein elektrisch betriebenen Autos (BEV) Anfang des Jahres 2020 erreicht. Seither ging es mit Ausnahme der letzten Monate steil bergauf. In den ersten drei Quartalen des Jahres erreichten BEV einen Anteil von gut 16 Prozent an allen Neuzulassungen von Personenwagen.
Im internationalen Vergleich ist das gut, aber es reicht nicht zum Klassenbesten. Sehr gross ist der Abstand zu Norwegen, wo mit 78 Prozent schon eine komfortable Mehrheit aller Neuwagen rein elektrisch betrieben ist. Aber auch in Schweden mit 28 Prozent und in den Niederlanden mit 21 Prozent haben Elektroautos derzeit einen höheren Anteil an den Neuzulassungen.
Tiefer ist dieser hingegen in den Nachbarländern Österreich, Frankreich und Deutschland – und die Schweiz liegt auch über dem europaweiten Durchschnitt von 12 Prozent. Einen besonders schweren Stand haben BEV in Spanien, Italien und Polen.
Mit 9 Prozent ist der Anteil von Plug-In-Hybriden an den Neuzulassungen in der Schweiz vergleichsweise tief. Hier kommen auch Deutschland und Belgien auf höhere Werte. Dies ist allerdings mit Blick auf die CO2-Emissionen keine schlechte Nachricht - im Gegenteil. Die Klimabilanz von Plug-In-Hybriden (PHEV) gilt als vergleichsweise schlecht.
Studien gehen sogar davon aus, dass sie schlechter abschneiden als konventionelle Verbrenner. Das liegt daran, dass sie selten so genutzt werden, dass sie einen Klimavorteil erzielen könnten. Wenn nämlich Nutzerinnen und Nutzer ihr PHEV-Auto nicht regelmässig aufladen und stattdessen grösstenteils auf den Verbrennungsmotor setzen, verschlechtert sich die Klimabilanz deutlich, denn nun muss im Vergleich zu einem konventionellen Verbrenner ohne Batterie auch noch das Gewicht ebendieser bewegt werden. Darüber hat beispielsweise der «Focus» berichtet.
Die Daten des ICCT zeigen auch, welche Hersteller im Durchschnitt ihrer Flotten am klimafreundlichsten unterwegs sind. Hier ist allerdings zu beachten, dass sich verschiedene Hersteller innerhalb der EU zu Pools zusammenschliessen können. Das haben etwa Tesla und Honda getan, womit die CO2-Emissionen in Gramm pro Kilometer für Tesla zu hoch angegeben werden und jene für Honda niedriger, als wenn nur die Honda-Flotte betrachtet würde.
Die untenstehenden Werte beziehen sich auf effektiv gemessenen Werte im Jahr 2022 gemäss dem Messverfahren WLTP. Abzüge für klimafreundliche Innovationen, wie sie das EU-Regelwerk vorsieht, wurden nicht berücksichtigt.
Auf den höchsten CO2-Wert pro Kilometer kommen die Autos aus dem Pool von VW und dem chinesischen Hersteller SAIC, gefolgt von Ford und der Luxus-Automarke Mercedes-Benz. Auch die japanischen Hersteller Mazda, Subaru und Toyota, die in einem gemeinsamen Pool vereint sind, kommen mit 116 Gramm CO2 pro Kilometer auf vergleichsweise hohe Werte.
Dies erstaunt nicht, haben diese Hersteller doch beinahe keine rein elektrisch betriebenen Autos im Angebot. Auch das zeigen die Daten des ICCT.
Am höchsten ist dieser Anteil nicht überraschend im Pool von Tesla und Honda, da Tesla nur BEV herstellt. Volvo auf Platz 2 kommt auf 21 Prozent BEV an den Verkäufen in den dritten Quartalen des Jahres innerhalb der EU, Hyundai auf Platz 3 auf 15 Prozent. Bei Ford hingegen ist nur jedes zwanzigste neue verkaufte Auto rein elektrisch betrieben, im Pool der japanischen Hersteller Mazda, Subaru und Toyota gar nur eines von 100.
Zu guter Letzt haben die Autoren des ICCT auch analysiert, wie viele Ladepunkte es pro 1000 Personenwagen pro Land gibt. Die Daten für die Schweiz stammen vom Portal goingelectric.de respektive dem BFS und sind nicht direkt vergleichbar, da sie alle Ladepunkte umfassen und nicht nur Punkte mit einer Leistung von mindestens 22 kWh-Äquivalenten wie in den Daten von ICCT.
Dennoch zeigt der Vergleich, dass die Schweiz in diesem Ranking vergleichsweise schlecht abschneidet. In Sachen Ladepunkte pro Auto liegt sie hinter dem EU-Durchschnitt und hinter Nachbarländern wie Deutschland oder Österreich.
Nicht berücksichtigt wurden in diesem Ranking private Ladepunkte und solche mit einer vergleichsweise geringen Ladeleistung. Wäre dies geschehen, wäre die Schweiz möglicherweise besser platziert. Zudem kehrt sich das Bild um, wenn nur Schnellladestationen verglichen werden. Hier platziert sich die Schweiz im europaweiten Vergleich im vorderen Drittel.
Nichtsdestotrotz zeigen die Zahlen, dass in Sachen Verfügbarkeit von Ladestationen noch viel Nachholbedarf hierzulande besteht – vor allem, wenn die eigentlich hohe Quote bei den Neuzulassungen berücksichtigt wird.
Die Politik will dieses Problem unter anderem mit einer finanziellen Förderung angehen. Das revidierte CO2-Gesetz, das ab 2025 gelten soll, sieht Investitionen von 800 Millionen Franken bis 2030 vor, die in die Ladeinfrastruktur für Elektroautos, in die Anschaffung von Elektrobussen für den ÖV und in die Förderung von internationalen Zugverbindungen fliessen sollen. «Fehlende Ladestationen für Elektrofahrzeuge können die Verbreitung der Elektromobilität bremsen», schreibt das Bundesamt für Umwelt als Begründung dieser geplanten Massnahme. Die Vorlage kommt voraussichtlich in der Wintersession ins Parlament.
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