
Die Luftfahrtindustrie wird im Jahr 2050 rund 500 Millionen Tonnen (Mt) nachhaltigen SAF-Flugkraftstoff benötigen, um die CO₂-Emissionen auf Netto-Null zu senken. Es braucht sowohl technologische Fortschritte in der Herstellung wie auch den Ausbau von Raffinerieanlagen. Mobimag wird in einem weiteren Beitrag am 10. Dezember einige Projekte vorstellen.
von Peider Trippi,
26. November 2025
In einer IATA-Studie vom September 2025 wird die Zukunftsentwicklung der Ersatzprodukte für die heutigen Flugtreibstoffe beleuchtet. Selbst bei einer ehrgeizigen Ausweitung von e-SAF und verschiedenen Bio-SAF-Verfahren deutet diese Kernprognose darauf hin, dass das globale SAF-Produktionspotenzial bis 2050 etwas über 400 Millionen Tonnen erreichen könnte. Das ist ein erhebliches Defizit von 20 Prozent im Vergleich zu den 500 Mt, die zur Dekarbonisierung erforderlich sind.
Gemäss der Studie wird Bio-SAF im Jahr 2050 rund 57 Prozent der gesamten SAF-Produktion ausmachen. Agroforstrückstände werden voraussichtlich der wichtigste Rohstoff für Bio-SAF sein und etwa ein Viertel der gesamten SAF-Produktion ausmachen. Zucker- und Stärkepflanzen werden schätzungsweise 9 Prozent der gesamten SAF-Produktion ausmachen, während der Anteil von Siedlungsabfällen (MSW – Municipal solid waste) mit 7 Prozent etwas geringer ist.
Die ReFuelEU-Luftverkehrsverordnung schreibt für rund 150 EU-Flughäfen einen SAF-Anteil von 2 Prozent im Jahr 2025 vor, der bis 2030 auf ein Gesamtbeimischungsziel von 6 Prozent ansteigen soll.
Ölbasierte Biomasse für SAF
Ölbasierte HEFA (Hydroprocessed Esters and Fatty Acids) machen heute rund 95 Prozent der verfügbaren SAF-Treibstoffe aus und werden 2035 immer noch rund die Hälfte beisteuern. HEFA wird gemäss den Berechnungen von IATA voraussichtlich im Jahr 2050 etwas mehr als 15 Prozent des SAF ausmachen und ist der einzige Weg, der die für SAF verfügbaren ölbasierten Rohstoffe voraussichtlich vollständig nutzen wird.

Bei HEFA werden lipidhaltige Rohstoffe, zum Beispiel Altspeiseöle, in Kohlenwasserstoffe umgewandelt. Diese Technologie ist heute schon anlagentechnisch sehr nahe an bestehenden Raffinerietechnologien verfügbar. Laut dem Branchenbericht „Grease Connections 2025“ kann ein einziger Schnellrestaurantbetrieb jährlich 3.800 bis 5.800 Liter Fett „produzieren“, was nach der Modernisierung für fünfzig mittlere Überlandflüge ausreicht. Jeder Liter Frittieröl, die einem Altöl-Sammelunternehmen übergeben wird, kann weiter transportiert werden und mehr einbringen als je zuvor. Dieses Fett erhält jetzt Gutschriften für erneuerbare Brennstoffe und SAF-Steueranreize, wodurch sein Wert deutlich über dem historischen Rohstoffpreis von Altfett liegt.
Ein weiterer Vorteil von HEFA ist deren Kompatibilität: Flughäfen, Triebwerke und Betankungsinfrastruktur bleiben unverändert, was die Einführungskosten drastisch senkt. Deshalb können Fluggesellschaften HEFA bereits heute auf kommerziellen Strecken beimischen.
Begrenzte Verfügbarkeit von Biomasse für SAF
Bio-SAF-Rohstoffe umfassen vor allem biogene Reststoffe wie gebrauchtes Speiseöl, tierische Fette und landwirtschaftliche Abfälle, aber auch andere Biomasse wie Algen, Zucker, Stärke oder Holzreste. Auch Pflanzen, die für SAF angebaut werden, können als Rohstoffe dienen, sofern sie keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion darstellen.
Die potenzielle Verfügbarkeit von Biomasserohstoffen wird auf rund 10.000 Millionen Tonnen im Jahr 2030 geschätzt und steigt bis 2050 auf über 12.000 Mt. Allerdings verbrauchen verschiedene Industrien bereits jetzt rund 60 Prozent der gesamten Biomasseressourcen. Infolgedessen dürften weniger als 35 Prozent für Bioenergie und Biokraftstoffe zur Verfügung stehen, schätzungsweise 3.400 Mt im Jahr 2030 und 4.200 Mt im Jahr 2050. Die Umwandlung all dieser Rohstoffe in SAF ergäbe ein potenzielles theoretisches Maximum von über 800 Mt im Jahr 2050. Konkurrierende Industrien, bestehende gesetzliche Verpflichtungen und die Dekarbonisierungs-Ambitionen verschiedener Sektoren machen diese Zahl jedoch unrealistisch.
Unter Berücksichtigung der konkurrierenden Bedürfnisse der Bioenergie- und Biokraftstoffbranche reduziert sich der weltweit potenziell für die SAF-Produktion verfügbare Biomasse-Rohstoff weiter auf rund 12 Prozent des ursprünglich ungenutzten Potenzials. Dies entspricht rund 1.230 Millionen Tonnen bis 2030 und 1.580 Millionen Tonnen bis 2050. Bei voller Ausnutzung könnte dies letztlich die Produktion von über 300 Millionen Tonnen Bio-SAF im Jahr 2050 ermöglichen.
Aktuelle Verwendung von SAF-Treibstoff
Laut einem neuen Bericht der Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA) wurden durch den Einsatz von Sustainable Aviation Fuels (SAF) auf Flughäfen in der Europäischen Union im Jahr 2024 rund 714.000 Tonnen CO₂ vermieden, das entspricht etwa 10.000 Hin- und Rückflügen zwischen Madrid und Paris. Bei heute täglich sechs Flüge zwischen diesen Metropolen entspricht dies 4 ½ Jahre Betrieb. Im Jahr 2024 stammten nur 0,6 Prozent des gesamten auf EU-Flughäfen gelieferten Flugkraftstoffs aus nachhaltigen Quellen. Das ist ein bescheidener Anfang im Vergleich zu der 2 Prozent SAF-Beimischungspflicht, die in 2025 in Kraft trat. EASA-Daten zeigen, dass die im Jahr 2024 gelieferten 193 Kilotonnen Flugkraftstoffs SAF waren, die aus gebrauchtem Speiseöl (81 %) und tierischen Fettabfällen (17 %) gewonnen wurde.
Auf der Grundlage der Abnahmevereinbarungen und der von Eurocontrol, ICAO, Flughäfen und Fluggesellschaften öffentlich zugänglichen Daten wird erwartet, dass SAF hauptsächlich auf europäischen Flughäfen (60 Prozent der Flughäfen mit SAF) verfügbar sein wird, gefolgt von Nordamerika (25 %) und Asien (10 %). Heute kann noch kein EU-Flughafen e-SAF liefern. Nach ReFuelEU Aviation müssen bis 2030 1,2 Prozent des an EU-Flughäfen gelieferten Kraftstoffs synthetische Kraftstoffe wie e-SAF sein.
Bei den Biokraftstoffen entfallen rund 45 Prozent der Verpflichtungen der nordamerikanischen Fluggesellschaften auf pflanzliche Biokraftstoffe, während die europäischen Fluggesellschaften diese fast vollständig zugunsten von Biokraftstoffen aus gebrauchten Ölen und Fetten aufgegeben haben (rund 55 %). Eine südamerikanische Fluggesellschaft hat sich zur Abfallbiomasse verpflichtet, während asiatische Fluggesellschaften Abnahmeverträge für SAF aus festen Siedlungsabfällen, Altöl sowie Nahrungs- und Futtermittelpflanzen abgeschlossen haben. Afrikanische Fluggesellschaften haben keine Verpflichtung für irgendeine Art von SAF.
Die meisten Rahmenwerke schaffen derzeit Anreize für Biokraftstoffe, einschließlich der nicht nachhaltigsten und problematischsten pflanzenbasierten Kraftstoffe, wie z. B. aus Soja oder Palmöl. Dies gibt nicht nur Anlass zur Besorgnis über die Fähigkeit des Luftverkehrssektors, sich zu dekarbonisieren, sondern auch über die breiteren Umweltauswirkungen, die diese Kraftstoffe haben können (z. B. Entwaldung und Verlust der biologischen Vielfalt). Dem Beispiel der EU und des Vereinigten Königreichs, die sie aufgrund von Nachhaltigkeitsbedenken ausgeschlossen haben, sollten auch andere Länder folgen.
Das finnische Unternehmen Neste liefert weltweit
Neste MY SAF ist bereits an wichtigen Flughäfen weltweit verfügbar, darunter San Francisco International Airport, Los Angeles International Airport, Frankfurt Airport, Amsterdam Airport Schiphol, Changi Airport (Singapore) und Narita International Airport (Japan), und skaliert die Produktionskapazität bis 2025 auf bis zu 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr.
Heute beliefert Neste viele der führenden kommerziellen Fluggesellschaften, darunter Air France-KLM, Lufthansa, Finnair, Delta Air Lines, American Airlines, United und Air New Zealand, sowie von Frachtfluggesellschaften wie FedEx, DHL Group, Amazon Prime Air und UPS zur Reduzierung von Emissionen im Luftverkehr. SAF von Neste wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Abfall- und Reststoffen wie Altspeiseöl und tierischen Fettabfällen hergestellt.
Beispiele von SAF-Vertragslieferungen
Neste und DHL Express, der weltweit führende internationale Expressdienstleister, haben ihre Zusammenarbeit durch die Lieferung von 7.400 Tonnen (9,5 Millionen Liter) reinem, d. h. unvermischtem Neste MY Sustainable Aviation Fuel ™ an DHL Express am Flughafen Singapur Changi ab Juli 2025 verstärkt. Dies ist einer der volumenmässig grössten SAF-Deals Asiens im Luftfrachtsektor. Das gekaufte SAF wird etwa 35 bis 40 Prozent der gesamten Treibstoffmischung ausmachen und ist für die fünf Boeing 777-Frachter von DHL Express bestimmt, die am Südasien-Hub von DHL am Flughafen Changi stationiert sind und zwölfmal pro Woche vom Flughafen abfliegen.
Mit Amazon hat Neste eine Vereinbarung über die Bereitstellung von 7.500 Tonnen SAF für seinen Amazon Air-Frachtbetrieb am San Francisco International Airport und am Ontario International Airport in Kalifornien bis Ende 2025 getroffen. Mit dieser Vereinbarung ist Amazon das erste Unternehmen, das nachhaltigen Flugkraftstoff am Ontario International Airport einkauft und verwendet.
FedEx und Neste haben sich zusammengeschlossen, um die bislang grösste SAF-Menge einer US-Frachtlinie zu liefern. Die beiden Gesellschaften haben vereinbart, 8.800 Tonnen SAF-Mischung an FedEx am Los Angeles International Airport zu liefern – der bislang grösste SAF-Kauf einer US-Frachtlinie am LAX. In seiner gemischten Form wird der Kraftstoff auf Grundlage der Kraftstoffverbrauchsprognosen für das Geschäftsjahr 2025 etwa ein Fünftel des gesamten von FedEx jährlich am Flughafen LAX verbrauchten Kerosins ausmachen. Neben Neste hat auch FedEx am Flugtestprogramm ecoDemonstrator mit Boeing 2018 mitgewirkt, dem weltweit ersten kommerziellen Flug mit 100 Prozent SAF in beiden Triebwerken. Neste und United Airlines haben ihre bestehende Partnerschaft weitert, um drei neue Grossflughäfen in den USA mit nachhaltigem Flugkraftstoff zu beliefern. Durch die neue Vereinbarung ist United die erste kommerzielle Fluggesellschaft, die SAF für Flüge vom George Bush Intercontinental Airport in Houston, dem Newark Liberty International Airport in New Jersey und dem Dulles International Airport in Washington D.C. kauft. Neste belieferte United seit August 2024 am Chicago O’Hare International Airport mit SAF, nachdem in Illinois die SAF-Kaufgutschrift eingeführt wurde. United war mit einem Verbrauch von über 4.300 Tonnen SAF im letzten Jahr der führende SAF-Nutzer in den USA.
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