London hebt abends die Staugebühr auf // Reisen wir bald in «Ottobahn»-Kabinen?

Die «congestion charge» wirkt Staus in London entgegen. Bild: Rossano D’Angelo / Unsplash

In London wird die Staugebühr für Autofahrer ab 18 Uhr an Wochentagen ausgesetzt. So sollen Auswärtige ermuntert werden, in die Stadt zu fahren. Ausserdem im wöchentlichen Blick aufs Ausland: Die «Ottobahn» will den Individualverkehr revolutionieren und eine Forscherin schreibt dem deutschen ÖV, er könne sich abschaffen.

von Stefan Ehrbar
30. Juli 2021

London setzt Staugebühr am Abend aus

Wer zwischen 7 und 22 Uhr mit dem Auto in das Zentrum Londons fahren will, muss eine «congestion charge» in der Höhe von 15 Pfund (umgerechnet 19 Franken) bezahlen. Erst letztes Jahr wurden wegen der Coronakrise die Zeiten ausgedehnt, die Gebühr von zuvor 11,50 Pfund erhöht und ein Rabatt für Einwohner Londons abgeschafft.

Die Gebühr hat zum Ziel, den Verkehr in London und damit Staus zu reduzieren und das Reisen zu Fuss und mit dem Velo sicherer zu machen. Ausserdem sollen Busse so weniger häufig steckenbleiben und verlässlicher fahren können. Gewisse Personengrupppen wie etwa Mitarbeiter des Gesundheitswesens sind von der Gebühr befreit.

Nun soll die Staugebühr abends ab 18 Uhr nicht mehr erhoben werden, wie es schon vor der Krise der Fall war. Das schlägt die städtische Verkehrs-Dachorganisation Transport for London vor. Die Begründung dafür mutet kurios an: Besucher von ausserhalb sollen ermutigt werden, wieder die Hotspots der Hauptstadt zu besuchen. Vertreter des Gastgewerbes begrüssten den Schritt, berichtet das Portal cityam.com.

Allerdings wird die Gebühr gleichzeitig neu auch an Samstagen und Sonntagen zwischen 12 und 18 Uhr erhoben. So sollen Menschen dazu gebracht werden, dann den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Vor der Pandemie waren am Wochenende mehr Autos und Mietwagen in London unterwegs als werktags. Die Erhebung der Gebühr auch an diesen beiden Tagen soll laut Transport for London zu täglich 8000 neuen Fahrten mit dem ÖV und 3000 Reisen mit dem Velo oder zu Fuss führen.

Der Verband der Kleinunternehmen nannte den Schritt eine «bittere Pille» für Unternehmen, die an Wochenenden arbeiteten. Konservative Politiker kritisieren zudem, dass die Gebühr nicht auf den alten Stand von 11,50 Pfund reduziert wird. Damit werde der Aufschwung gefährdet. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan lässt sich damit zitieren, es sei wichtig, das richtige Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Unterstützungsmassnahmen und der Sicherstellung einer nachhaltigen Entwicklung zu finden. Die neue Ausgestaltung der Gebühr unterstütze die Kultur und die Gastronomie, ermutige die Menschen aber auch, zu Fuss zu gehen und das Velo oder den ÖV zu nutzen.

Revolutioniert die «Ottobahn» den Individualverkehr?

Ein «emissionsfreies und vollautonomes Transportsystem» verspricht das deutsche Unternehmen Ottobahn GmbH. Auf der Internetseite des Unternehmens ist die Rede von «der nächsten Dimension der Mobilität». Was steckt dahinter?

Vereinfacht gesagt handelt es sich um eine Art Schwebebahn mit autonomen Kabinen. Jede Fahrt soll individuell geplant werden. «Zwischenstopps, Umsteigen oder die Suche nach einem Parkplatz gehören der Vergangenheit an», schreibt das Start-Up. Auf längeren Strecken, etwa zwischen zwei Städten, sollen die Kabinen aneinander gekoppelt werden und als Zug mit Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern pro Stunde verkehren. Erst innerhalb der Städte würden sie dann wieder entkoppelt. Die Stützen der Ottobahn sollen oberhalb von Strassen in einer Höhe von fünf bis zehn Metern gebaut werden.

So soll die Ottobahn dereinst aussehen. Bild: Ottobahn GmbH

Die hängenden, schienengebundenen Kabinen sollen zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Eine Strecke wie München-Berlin soll mit dem System in zweieinhalb Stunden zurückgelegt werden können. Das Verkehrssystem verwandle Strassen in grüne Lebensadern und gebe Mensch und Natur Raum zurück, heisst es in einer Mitteilung.

Doch ist das mehr als PR-Sprech eines Startups? Diesen Beweis müssen die Macher noch erbringen. In Kürze soll der Spatenstich für eine erste Teststrecke in Taufkirchen südlich von München anstehen. Dafür startet das Unternehmen nun eine Finanzierung über die Crowdinvesting-Plattform FunderNation, berichtet das Portal «bahnblogstelle» (Link zur Plattform). Bisher wurden etwa 215’000 Euro gesammelt, das Ziel sind zwei Millionen Euro.

Wie das Unternehmen schreibt, hätten bereits mehrere Gemeinden ihr Interesse bekundet. Eine erste kommerzielle Strecke könnte schon im Jahr 2023 aufgebaut werden. Die Investitionskosten pro Kilometer sollen jene von U-Bahnen um bis das Zehnfache unterbieten, berichtet die «Süddeutsche Zeitung».

Braucht es den ÖV so nicht mehr?

Anke Borcherding ist Mobilitätsbeauftragte der FU Berlin und beschäftigt sich mit Projekten zum Thema Mobilität. Nun hat sie in einer Polemik für den Blog der Forschungsgruppe Mobilität die Probleme des öffentlichen Verkehr in Deutschland analysiert. Ihr Fazit: So braucht es ihn nicht. «Schafft euch bitte ab!», ist der Kommentar betitelt.

Der ÖV sei nicht das Rückgrat, sondern die Achillesferse der Verkehrswende, schreibt Borcherding. «Die Zustimmung in der Bevölkerung zu Bussen und Bahnen ist dramatisch niedrig. Auf dem Land gibt es viel zu starre Verbindungen und zu wenige Fahrgäste, in der Stadt ist der ÖV oft subjektiv viel zu voll. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern.» Während der Krise habe der ÖV weiter Fahrgäste verloren und spiele teils nur noch eine marginale Rolle.

Dabei seien die Maskenpflicht oder die Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus nicht das grösste Problem. Der grösste Haken des ÖV sei seine mangelnde Flexibilität. «Leere Busse fahren ihren starren Fahrplan ab, Anschlüsse werden nicht erreicht, weil der Bus abgefahren ist, bevor die verspätete Bahn angekommen ist. In den Regionalbahnen ist der Mindestabstand in der Rush Hour wie bei den Sardinen in der Büchse.»

Die Forscherin schlägt etwa vor, Tarifverbünde und -grenzen aufzuheben und einfache Zugänge zu schaffen. Es sollten keine Tickets ausgegeben werden, sondern Fahrberechtigungen – also eine Art GA, das Fahrten unabhängig vom Verkehrsmittel erlaubt.

Der Ratschlag ist für die Schweiz nur bedingt übertragbar, schliesslich sind solche Systeme hierzulande schon seit Jahren Standard. Der zweite Tipp der Forscherin könnte schon eher interessant sein: Im Gegensatz zum Auto würden die Fahrpläne des ÖV zu wenige Möglichkeiten eröffnen, etwa in Nebenzeiten oder nachts. In diesen Zeiten besteht auch in der Schweiz noch Nachholbedarf.

Schreiben Sie einen Kommentar

Diesen Artikel kommentieren