Viermal lauter als normale Autos: So viel Lärm machen Autoposer – Politiker gegen Lärmblitzer

Autos machen Lärm – aber nicht alle gleich. Bild: Patrick / Unsplash

Messungen der Stadt Zürich zeigen: Vorbeifahrende Autoposer werden teilweise viermal lauter wahrgenommen als normaler Strassenlärm. Das kann gesundheitliche Folgen haben. Nun greifen die Polizeikorps und die Politik durch. Doch es gibt Widerstand gegen den Kampf gegen Lärm.

von Stefan Ehrbar
31. August 2021

Die Hohlstrasse ist eine der Schlagadern des motorisierten Verkehrs in Zürich. Sie zieht sich von Altstetten mitten in den Kreis 4. Bei Autoposern ist die Strasse sehr beliebt. Sie führt entlang von Tankstellen, einem Einkaufszentrum und einer Autowaschanlage, aber auch von Tausenden Wohnungen.

Und das wird zum Lärmproblem. Der städtische Umwelt- und Gesundheitsschutz hat im Herbst 2020 erstmals Messungen durchgeführt, die aufzeigen, wie laut die Autoposer wirklich sind. 

Vorbeifahrten von Autoposern und Autoposerinnen (was die Stadt als «selten» bezeichnet), weisen im Durchschnitt einen um 24 Dezibel höheren Maximalpegel auf als normale Vorbeifahrten. Autofahrten von Autoposern werden laut der Stadt Zürich viermal lauter wahrgenommen als normale Vorbeifahrten (Link zum Bericht, Seite 16).

Die Dezibelskala ist logarithmisch aufgebaut. Eine Verdoppelung der Schallleistung entspricht einer Schallpegelerhöhung um 3 dB. Üblicherweise können Menschen schon Veränderungen im Bereich von 1 dB wahrnehmen. Als Vergleich: Normaler Strassenverkehr kommt üblicherweise auf einen Schallpegel von etwa 60 dB. Ein vorbeifahrender Zug, ein Gewitter oder ein Rasenmäher kommen auf etwa 80 dB, ein Presslufthammer in 10 Metern Entfernung auf etwa 90 Dezibel. Das schreibt der Hörgerätehersteller Geers.

Übermässiger Lärm kann gesundheitliche Schäden zur Folge haben. Ab 40 dB sind beispielsweise Lern- und Konzentrationsstörungen möglich, ab 60 dB Hörschäden nach längerer Einwirkung, ab 65 dB gibt es laut Geers ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei längerer Einwirkung.

Wie gross das Problem mit den Autoposern ist, zeigt auch der Vergleich zu der Lärmminderung durch Tempo 30. Die Stadt Zürich hat gemessen, wie stark der Lärm abnahm, nachdem nachts auf einigen Strassen statt Tempo 50 die Geschwindigkeit von Tempo 30 signalisiert wurde. Das Resultat: Die Lärmbelastung ging um 1,6 Dezibel bis 2,6 Dezibel zurück (Mobimag berichtete).

Das zeigt: Der Lärm der Autoposer ist auch aus Sicht des Lärmschutzes, zu dem die Städte gesetzlich verpflichtet sind, ein echtes Problem. Die Stadtpolizei Zürich geht laut einem Bericht der Stadt «mit gezielten Kontrollen und einer zunehmenden Anzahl von Verzeigungen» gegen Autoposing vor und zieht Fahrzeuge aus dem Verkehr, bei denen unerlaubte Manipulationen an den Abgasanlagen beziehungsweise den Steuergeräten festgestellt werden.

Zwischen Januar und Juni 2021 wurden laut der NZZ in der Stadt Zürich 449 Autolenker verzeigt, weil sie Lärm verursacht oder illegal an ihrem Wagen herumgebastelt hatten. Die Polizei musste im Frühling in gewissen Nächten Strassen an 40 Orten sperren, weil sich die Poser zu Hunderten um das Seebecken gedrängt hatten. Laut der Zeitung versucht die Stadtpolizei Zürich nun mit anderen Polizeikorps, über das Bundesamt für Strassen (Astra) Einfluss zu nehmen auf die europäischen Bestimmungen. Erreicht werden soll die Möglichkeit für höhere Bussen oder Ausweisentzüge für lärmende Poser. 

Denn auf allzu viel Verständnis kann die Polizei bei den Posern offenbar nicht zählen. Remo Niedermann, der Leiter des Kommissariat der Verkehrspolizei der Zürcher Stadtpolizei, sagt der NZZ, er höre von Posern häufig dieselbe Aussage: «Wen’s stört, der soll doch aufs Land ziehen».

Auch auf nationaler Ebene tut sich etwas: Nach dem Nationalrat hat auch der Ständerat im Juni eine Motion der Verkehrskommission des Nationalrats angenommen, die gegen übermässigen Motorenlärm vorgehen will. Der Bundesrat soll nun strengere Massnahmen ergreifen. Er muss aufzeigen, wie Lärm verursachendes Tuning an Autos besser sanktioniert werden soll. Dabei handle es sich um ein «lästiges Übel, das beseitigt werden soll», sagte Ständerat Martin Schmid (FDP/GR). 

Konkret heisst es in der Motion, der Bundesrat soll Massnahmen auf Gesetzes- und Verordnungsstufe ausarbeiten, mit denen die Verwendung von illegalen Bauteilen oder Veränderungen an Fahrzeugen besser sanktioniert oder eingeschränkt werden können. «Dabei soll neben höheren Bussen auch der Führerausweisentzug oder die Beschlagnahme des betroffenen Fahrzeugs sowie ein generelles Fahrverbot für besonders laute Fahrzeuge auf gewissen Strecken geprüft werden kann.»

Schon heute kann theoretisch bestraft werden, wer absichtlich vermeidbaren Lärm erzeugt, etwa durch Hochdrehen. Doch in der Praxis findet das nur selten statt, auch, weil es etwa für Lärmblitzer noch keine rechtliche Grundlage gibt. Auch das soll nun geändert werden. So heisst es in der Motion, der Bundesrat solle «darlegen, mit welchen Instrumenten der Bund die Vollzugstätigkeit unterstützen kann, insbesondere durch die Entwicklung und den Einsatz von Lärmblitzern, und welche rechtlichen Grundlagen dafür notwendig sind.»

Das könnte allerdings nicht nur Autoposer treffen, sondern auch Motorradfahrer. Und die wehren sich. So sagt Nationalrat Walter Wobmann (SVP), der Präsident der Motorradfahrer-Föderation, die Intoleranz gegenüber Lärm habe zugenommen. Eine von ihm geführte Kommissionsminderheit hatte sich vergeblich gegen die Motion gestellt, berichtet die NZZ. Töff- und Autofahrer mittels Lärmblitzer und zu büssen, sei «höchst unfair», sagte Wobmann dem SRF. Der Fahrer wisse ja nicht, wann er zu laut unterwegs sei.

Die Töfffahrer halten vorerst noch still – aber das könnte sich ändern, wenn es konkret wird. «Noch ist es zu früh, zu irgendwelchen wilden Aktionen und Demonstrationsmassnahmen zu greifen, denn noch besteht kein konkreter Massnahmenkatalog seitens des Bundesrates», heisst es auf dem Portal moto.ch. Erst im Winter werde man wissen, «wogegen wir uns wehren müssen».

Im Gegensatz zu den Autoposern dürften die Motorradfahrer über eine deutlich schlagkräftigere und politisch besser vernetzte Lobby verfügen. Ob dies in Sachen Lärm einen Unterschied macht, darf allerdings bezweifelt werden.

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