Regelmässige Abstände statt Fahrplan: Die VBZ setzen in den Stosszeiten auf ein neues System auf einer Buslinie (Abo)

Fahren die VBZ-Busse bald im Takt statt nach Fahrplan? Bild: VBZ

Die Verkehrsbetriebe Zürich wollen auf einer Buslinie dafür sorgen, dass zu morgendlichen Stosszeiten regelmässig ein Bus fährt. Der Fahrplan ist zweitrangig. Es ist nicht das erste Mal, dass solche Pläne gewälzt werden. Auch andere Verkehrsbetriebe sind nicht abgeneigt – doch es gibt Hindernisse.

von Stefan Ehrbar
4. August 2022

Das Phänomen der «Paketbildung» im öffentlichen Verkehr ist den meisten Nutzerinnen und Nutzern bekannt: Lange kommt kein Bus und dann gerade zwei – wobei der hintere fast leer ist, weil alle in den vorderen einsteigen. Trifft diese Situation erst einmal ein, ist sie schwierig zu entschärfen: Ist ein Bus verspätet, warten an den nächsten Haltestellen noch mehr Leute, der Fahrgastwechsel dauert noch länger und die Verspätungsminuten summieren sich.

Entschärft werden kann das Problem, wenn Busse in einem möglichst regelmässigen Takt fahren. Das kann aber auch bedeuten, dass ein eigentlich pünktlicher Bus an einer Haltestelle verspätet wird, damit er nicht zum vorherigen aufschliesst. Der Fahrplan rückt damit zugunsten der Regelmässigkeit in den Hintergund.

Genau dieses System erproben nun die Verkehrsbetriebe Zürich. Das geht aus einem Protokoll der Regionalen Verkehrskonferenz vom Mai hervor. Betroffen ist die Buslinie 46 vom Quartier Rütihof in Höngg an den Bahnhofquai in den morgendlichen Stosszeiten. 

Ab Dezember 2023 verkehrt die Buslinie 46 auf der ganzen Strecke mit einer Länge von etwa 23 Minuten Fahrzeit morgens im 4-Minuten-Takt. Auf die Frage, wie verhindert werden kann, dass es zu Taktschwankungen und unregelmässigen Abständen zwischen den einzelnen Kursen kommt, antwortet VBZ-Gebietsmanager Johannes Eckert gemäss Protokoll wie folgt:

Im Grundsatz wird versucht, künftig von einem starren Fahrplan zu einer regelmässigen Abfahrtsreihenfolge zu kommen. Alle Busse fahren über den Meierhofplatz, möglicherweise zwar nicht fahrplangerecht, aber zumindest im regelmässigen Abstand. Nach Ende der Baustelle Limmattal-/Hönggerstrasse, während derer noch dichter gefahren wird, wird sich weisen, ob auf ein anderes Konzept zurückzugreifen ist.

Mit der Baustelle meint Eckert die Sanierung der Limmattalstrasse. Zwischen dem 16. Juni 2022 und dem 18. August 2023 kann deshalb die Tramlinie 13 nicht nach Höngg verkehren. Der 46er-Bus wird deshalb teilweise auf den 3-Minuten-Takt verdichtet.

Die angedachte neue Abfahrtsreihenfolge ist aber erst für die Zeit nach den Bauarbeiten geplant, auch wenn die Erfahrungen mit dieser daran noch etwas ändern könnten.

Die VBZ begründen die Umstellung auch mit den regelmässigen Behinderungen am Meierhofplatz, wo die Busse teilweise lang im Stau stehen. «Deswegen können die vom Rütihof kommenden Busse nicht immer pünktlich verkehren, sodass die Zusatzkurse ab Wipkingen zuweilen leer hinter verspäteten Regelkursen herfahren», sagt VBZ-Sprecher Oliver Obergfell. «Wie schon vor einigen Jahren für die Abendspitze umgesetzt, sollen die Zusatzkurse deshalb durch einen dichteren Takt auf der Gesamtstrecke ersetzt werden.»

Mit dem dichten Fahrplan auf der ganzen Strecke werde sichergestellt, dass eine gleichmässigere Auslastung erreicht wird und sich die Wartezeiten auch bei Verspätungen im Rahmen halten. «Bei Pulk-Bildung obliegt es der Leitstelle, regulierend in den Betriebsablauf einzugreifen», so Obergfell.

Die Idee, Busse in einem regelmässigen Intervall verkehren zu lassen statt strikt nach Fahrplan, ist nicht neu. Im Jahr 2017 berichteten die VBZ auf ihrem eigenen Blog vbzonline.ch (zum Artikel) über ein Projekt der VBZ, Bernmobil, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und des Leitsystemlieferanten Trapeze. «Es soll gemeinsam ein System entwickelt werden, welches Abweichungen in der Taktfolge erkennt und den Disponentinnen und Disponenten teil- beziehungsweise vollautomatisiert bei der Regulierung der Betriebszustände helfen kann», heisst es im Artikel. «Dies wird auch ein Umdenken in der Betriebssteuerung bedeuten: Künftig soll – wenn es die Verkehrslage erfordert – mehr dem Takt Beachtung geschenkt werden als der Einhaltung des Fahrplans. Paketbildungen so schliesslich weitestgehend der Vergangenheit angehören.»

Der damalige VBZ-Chef Guido Schoch distanzierte sich in einer Sitzung mit politischen Verantwortlichen aber wieder vom Projekt. Grundsätzlich gilt zudem die Fahrplanpflicht, von der Verkehrsbetriebe nicht einfach abweichen können. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat signalisiert, dass es solchen Methoden wohlwollend gegenüber steht, wenn sie etwa bei Stau zum Einsatz kommen, während dem ein normaler Transport gar nicht möglich ist. So sagte es eine Sprecherin vor fünf Jahren zu 20 Minuten.

Damals signalisierten auch andere Verkehrsbetriebe Interesse. «Je dichter der Taktfahrplan ist, je wichtiger wird für Passagiere die Regelmässigkeit und desto unwichtiger die Pünktlichkeit», liess sich etwa Rolf Meyer von Bernmobil zitieren. Auch die Basler Verkehrsbetriebe gaben bekannt, eine solche Änderung zu prüfen. Mit der Coronakrise rückten solche Pläne allerdings wieder etwas in den Hintergrund – bis sie jetzt von den VBZ reaktiviert wurden.

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