
Der CO2-Ausstoss der Verkehrsbranche nimmt seit Jahren ab – mit einer Ausnahme: Lieferwagen stossen immer mehr CO2 aus. Der boomende Onlinehandel verstärkt das Phänomen. Die Politik fordert bereits eine LSVA für Lieferwagen. Der Versandhandel wehrt sich.
von Stefan Ehrbar
28. April 2021
14,73 Millionen Tonnen: So viele CO2-Emissionen verursachte der Verkehr im Jahr 2019 in der Schweiz. Das entspricht zwar fast 40 Prozent aller CO2-Emissionen, ist aber auch deutlich weniger als noch vor wenigen Jahren. Bis ins Jahr 2008 stieg diese Zahl. Seit dann nimmt sie laufend ab, obwohl die Zahl der Fahrzeuge im selben Zeitraum um fast 17 Prozent zugenommen hat. Das zeigen neueste Zahlen des Bundesamt für Energie und des Bundesamt für Statistik.
Der CO2-Ausstoss hat in fast allen Kategorien abgenommen. Bei den Privatautos genauso wie bei den Bussen und Lastwagen und der Eisenbahn. Es gibt zwei Ausnahmen: Die Motorräder, die allerdings nur einen kleinen Teil der Emissionen ausmachen, und die Lieferwagen.
Die CO2-Emissionen von Lieferwagen stiegen zwischen 2008 und 2019 um fast 20 Prozent auf 1’158 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das entspricht einem Anteil von 7,9 Prozent an allen Emissionen des Verkehrs. 2008 hatte dieser Anteil noch bei 5,9 Prozent gelegen.
Der aufkommende Onlinehandel und immer kürzere Lieferfristen sorgen dafür, dass immer mehr Lieferwagen unterwegs sind, und die Coronakrise befeuert diesen Trend. Um 24 Prozent nahmen die Umsätze der zehn grössten Schweizer Onlineshops im Jahr 2020 zu, berichtet das Analyseunternehmen Carpathia. All diese Waren müssen geliefert werden, und meist geschieht das mit Lieferwagen.
Zwischen 2009 und 2017 nahm die Zahl der Lieferwagen auf Schweizer Strassen von 197’000 auf 323’000 zu – ein so starkes Wachstum wie in keiner anderen Kategorie. Zuletzt hat sich das Wachstum beschleunigt. Darauf ist nun auch die Politik aufmerksam geworden. Der Ständerat hat im März eine Motion von Hans Wicki angenommen. Diese fordert den Bundesrat auf, «für gleich lange Spiesse zwischen Lastwagen und Lieferwagen zu sorgen»: «Hierfür hat er eine gesetzliche Grundlage zu schaffen für die Deckung der externen Kosten, welche durch den gewerbsmässigen Strassengüterverkehr mit Lieferwagen in der Schweiz verursacht werden.»
«Seit 2000 hat die Fahrleistung von Lieferwagen um 53 Prozent zugenommen, die Transportleistung hat sich aber nur um 14 Prozent gesteigert», schreibt Wicki. «Die Zunahme ist insbesondere auf das enorme Wachstum des Online-Handels zurückzuführen.» Der Strassengüterverkehr mit Lieferwagen werde durch Fahrten im Zusammenhang mit dem Onlinehandel weiterhin «exponentiell wachsen»: «Er soll für die von ihm verursachten externen Kosten aufkommen, soweit er nicht den Transport von Material oder Ausrüstung zur Berufsausübung betrifft.»
Die Forderung von Wicki läuft auf eine Ausdehnung der LSVA auf Lieferwagen hinaus – und stösst auf offene Ohren. Der Bundesrat zeigt sich bereit, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um Lieferwagen in das LSVA-System zu integrieren und stellt sich hinter die Motion.
Doch stimmen Wickis Zahlen überhaupt – und würde eine Ausdehnung der LSVA auf Lieferwagen tatsächlich den Onlinehandel treffen oder viel eher doch Handwerker, Bauern und Lebensmittelproduzenten?
Patrick Kessler ist Geschäftsführer des Schweizer Handelsverbands. «Ich bin der Meinung, dass man verzweifelt versucht, dem Onlinehandel eine Umweltsünde in die Schuhe zu schieben, was die letzte Meile anbelangt», sagt er zu Mobimag. «Wenn man sich die Mühe macht und genauer hinschaut, wird gerade die Zustellung laufend effizienter.» Die Zahl der Kilometer pro Paket sinke laufend, die Zustellungsart werde grüner. Der Paketkurier Quickpac etwa liefert bereits nur noch mit elektrischen Fahrzeugen aus, die Post hat das bis 2030 geplant.
In einem Blogbeitrag hat sich Kessler mit den Zahlen auseinandergesetzt. Die Begründung von Wicki «hält keiner 30-minütigen Recherche stand», schreibt er. Der Pakettransport macht gemäss einer Studie des Uvek nämlich etwa 5 Prozent der Kilometerleistung aller Lieferwagen aus. Die Kilometerleistung der beklagten Lieferwagen, die für Post-, Express- und Kurierdienste unterwegs sind, stagniert trotz stark wachsendem Paketmarkt seit einigen Jahren, während die Leistung von Lieferwagen mit einem Gewicht von weniger als einer Tonne markant zulegt. Diese sind laut Kessler denn auch schuld am Kilometerwachstum der Lieferwagen.
Eine Abgabe würden kaum den Onlinehandel treffen, denn die letzte Meile der Zustellung werde aktuell von einer «grünen Welle» erfasst. Eine solche Abgabe würde vor allem das Kleingewerbe und die Transportbranche treffen, denn der Transport von Lebensmitteln, Erzeugnissen der Landwirtschaft, Umzugsfahrzeuge und so weiter machten den Löwenanteil der Kilometerleistung bei Lieferwagen aus.
Der Onlinehandel könnte laut Kessler sogar von einer solchen Abgabe profitieren, wenn er in der Zustellung auf Elektrofahrzeuge setzt. Diese sind von der LSVA ausgenommen. Noch nicht einmal finanzielle Förderung brauche es dafür: «Ich bin der Meinung, dass diese Umstellung schneller kommt als eine finanzielle Förderung notwendig ist», sagt Kessler. «Niemand wehrt Förderbeiträge gerne ab, aber die Vorteile einer elektrischen Zustellung vor allem in den Städten überwiegen über kurz oder lang so stark, dass sich diese Frage nicht stellt.»
Allerdings gehen die Meinungen über den Anteil des Onlinehandels an der Zunahme der CO2-Emissionen bei den Lieferwagen auseinander. Christoph Wolnik, Sprecher der Importeursvereinigung Auto-Schweiz, sagt: «Die Zunahme bei den Lieferwagen dürfte zum einen vom wachsenden Erfolg des Internethandels beeinflusst worden sein, andererseits vom allgemeinen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum.»
Es sei den Effizienzsteigerungen bei der Fahrzeugentwicklung zu verdanken, dass die CO2-Emissionen lediglich um 15 Prozent gestiegen seien, während der Lieferwagenbestand um fast 64 Prozent zugenommen habe – «und all dies ohne jegliche CO2-Vorschriften bis und mit 2019».
Das hat sich mittlerweile geändert. Seit 2020 gibt es auch für Lieferwagen verbindliche CO2-Zielwerte, deren Nichterreichung finanziell gebüsst wird. Dieses Jahr müssen Importeure von Lieferwagen einen Flottendurchschnitt von 186 Gramm CO2 pro Kilometer gemäss dem Testverfahren WLTP erreichen.
Wolnik sagt: «Das kann nur über eine wachsende Anzahl alternativer Antriebe erreicht werden, die die Hersteller bereits zahlreich anbieten und weitere auf den Markt bringen. Hierfür benötigt es in den kommenden Jahren einen massiven Ausbau der Lade- und Tankinfrastruktur für erneuerbare Treibstoffe.» Dazu zählt er etwa Wasserstoff, der auch weiteren Fahrzeuggruppen wie Autos oder schweren Nutzfahrzeugen zu Gute käme. «Zu unserem grossen Bedauern sind entsprechende Fördermassnahmen im neuen CO2-Gesetz nicht vorgesehen.»
Sicher ist: Auch wenn die CO2-Emissionen pro Fahrzeug zurückgehen, sinken sie viel zu langsam, um die Klimaziele des Bundes zu erreichen. Im europaweiten Vergleich steht die Schweiz zwar nicht schlecht da (siehe Grafik), doch zuletzt war die hiesige Neuwagenflotte bei den normalen Autos deutlich dreckiger als jene im Rest Europas. Eine Verteufelung des Onlinehandels ist demnach nicht angezeigt – denn wenn die Einkäufe stattdessen von den Konsumenten mit dem Privatauto abgeholt würden, wäre die Umweltbelastung wohl um ein Vielfaches höher.
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