Der Blick ins Ausland (10): Schönere Städte dank Corona, tödliche Strassen und Pop-Up-Routen, die bleiben

Die Pariser wollen ihre neuen Velorouten behalten. Bild: Alexandre Van Thuan / Unsplash

Jeden Samstag wirft Mobimag einen Blick auf aktuelle Ereignisse im Ausland. Diese Woche mit dem erstaunlichen Umbau des Verkehrs in Paris weg vom Auto, der Deutschen Bahn, die alte Pläne neu belebt und Strassen in den USA, die trotz weniger Verkehr noch tödlicher geworden sind.

13. März 2021

Mehr Todesfälle auf Strassen trotz Lockdown

Auf den Strassen in den USA waren im letzten Jahr coronabedingt weniger Autofahrer unterwegs. Das führte allerdings nicht zu weniger tödlichen Unfällen – im Gegenteil. Auf den amerikanischen Strassen starben letztes Jahr 42’060 Menschen, acht Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig wurden 13 Prozent weniger Kilometer in Autos zurückgelegt. Kombiniert führt das dazu, dass die Todesfallrate pro gefahrenen Kilometer um 24 Prozent stieg, wie das «Bloomberg CityLab» berichtet.

Die Ursache: Auf den Strassen mit weniger Verkehr wurde schneller gefahren. Daten des Anbieters Inrix zeigten, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den am meisten von Stau belasteten Strassen in den USA durchschnittlich um 35 Prozent gestiegen ist. Die Zeit, die für die Fahrten auf diesen Strecken benötigt wurde, sank gar um 40 Prozent. In Detroit stieg die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Innenstadt etwa um über 60 Prozent, in Denver und Atlanta um knapp 60 Prozent, in San Francisco um etwa 40 Prozent und in New York City immer noch um 10 Prozent.

Hinzu kommt laut Daten der National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) ein weiteres Phänomen: Insbesondere in der ersten Jahreshälfte sei ein Anstieg von risikoreichem Verhalten bei Autofahrern beobachtet worden – also etwa das Fahren unter Drogen- und Alkoholeinfluss oder ohne Sicherheitsgurt. Auch die Zahl von Bussen wegen Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit nahm in dieser Periode stark zu.

Weil viele Menschen in Dienstleistungsberufen im Homeoffice arbeiten, sind Menschen mit sogenannten «frontline jobs» besonders den erhöhten Risiken im Strassenverkehr ausgesetzt. Insgesamt zeigen die Daten laut Bloomberg, dass Geschwindigkeit ein entscheidender Faktor bei der Reduktion von tödlichen Unfällen ist. Es reicht nicht, die Gesamtzahl von Unfällen zu beobachten – viel eher sinken die Todesfälle überproportional, wenn Zusammenstösse bei geringerer Geschwindigkeit passieren.

Die Deutsche Bahn versucht es noch einmal

«Extraschnelle DB-Sprinter-Züge zum Frankfurter Flughafen»: So überschrieb die Deutsche Bahn eine Medienmitteilung, die sie gemeinsam mit der Lufthansa anfangs Woche veröffentlichte. Ab Berlin, Hamburg, Bremen, Münster und München sollen neue sogenannte «Lufthansa Express Rail»-Verbindungen an den grössten Flughafen Deutschlands eingeführt werden.

Bereits heute können Lufthansa-Passagiere aus 17 Städten mit verschiedenen Verbindungen an den Airport reisen und profitieren dabei von reservierten Sitzplätzen, einer Anschluss-Sicherung, der Meilengutschrift für die Fahrt im Zug sowie Zugang zu den DB-Lounges für die Business- und First-Class-Kunden. Neu hinzu kommen sollen nun weitere Services, etwa ein gastronomisches Angebot am Platz für Business- und First-Kunden.

«Aus einer guten Kooperation wird jetzt eine umfassende Partnerschaft, wie es sie zwischen Lufthansa und Deutscher Bahn noch nicht gegeben hat», wird DB-Vorstand Berthold Huber in der Mitteilung zitiert. Die neuen Verbindungen sollen mit Zügen gefahren werden, die ein Co-Branding aufweisen, auf denen also neben dem Logo der DB auch jenes der Lufthansa klebt. Mit den neuen Verbindungen kommen auch Fahrzeitverkürzungen auf einigen Strecken.

Es ist ein weiterer Versuch, Reisende aus Inlandflügen auf die Bahn zu bringen und den Anteil des ÖV bei der Anreise zum Flughafen zu erhöhen. Neu ist die Idee nicht. Zwischen 1982 und 1993 betrieb die Lufthansa mit dem «Lufthansa Airport-Express» sogar eine eigene Zugsgattung. Die Züge verkehrten zwischen Düsseldorf und Stuttgart und dem Frankfurter Flughafen. Schon damals stand der Umweltaspekt im Vordergrund, zudem sollte der Verzicht auf Kurzstreckenflüge auch Slots für Langstreckenflüge freischaufeln.

Lufthansa-Mitarbeiter bedienten Gäste an Bord des Lufthansa Airport-Express. Bild: Deutsches Bundesarchiv / Wikipedia

Bereits beim Lufthansa Airport-Express konnte das Gepäck am Bahnhof aufgegeben werden und es wurde durchgecheckt. Das Interieur der Züge war im Lufthansa-Design gehalten, Flight Attendants der Fluggesellschaft bedienten die Passagiere an Bord.

1993 wurde das Angebot eingestellt – weil die Deutsche Bahn parallel ihr Intercity-Angebot ausgebaut hatte, wegen Korrosionsschäden an den Fahrzeugen und der Konkurrenz durch das neu eingeführte Rail&Fly, das viele der Services auf frei wählbare Verbindungen ausdehnte und noch heute angeboten wird.

In der Schweiz gibt es unter dem Namen «Flugzug» ein ähnliches Angebot. Zunächst wurde darunter der Interregio von Basel SBB an den Flughafen Zürich verstanden, der von der Swiss mitfinanziert wurde und mit einem Swiss-Flugticket genutzt werden konnte.

Mittlerweile wurde das Angebot umgebaut. Reisende ab Basel dürfen zwischen Basel und dem Flughafen Zürich alle Zugverbindungen nutzen, wenn ihr Ticket ab dem Flughafen Basel ausgestellt wurde. Vor zwei Jahren wurde das Angebot auf 14 tägliche Verbindungen zwischen Lugano und dem Zürcher Flughafen erweitert (für Flugtickets ab dem Flugplatz Lugano), letztes Jahr zudem auf bis zu zehn tägliche Verbindungen zwischen Genf und dem Flughafen Zürich. Im Zug der Coronakrise hat die Swiss ihr Angebot in Genf stark ausgedünnt. Der einzige Langstreckenflug nach New York wurde gar storniert, womit die Swiss-Kunden über Zürich fliegen müssen.

Eigene Züge werden in der Schweiz aber nicht betrieben – die Flugzug-Verbindung von Lugano an den Zürcher Flughafen bedingt sogar ein Umsteigen im Zürcher Hauptbahnhof.

In den nächsten Jahren wird sich die Anbindung des Flughafen Zürich an den öffentlichen Verkehr stark ändern. Einige Direktverbindungen werden eingestellt und andere ausgebaut. Mobimag berichtet Ende März detailliert über die Pläne.

Die Pariser wollen ihre Pop-Up-Velowege behalten

Die Stadt Paris hat in den vergangenen Monaten ihr Netz an Velorouten deutlich ausgebaut, zunächst wegen einem Streik des öffentlichen Verkehr im Winter 2019, danach wegen der Coronakrise und dem damit einhergehenden Veloboom. Die französische Hauptstadt hat sich dabei nicht auf Nebenstrassen konzentriert. Auch Achsen wie die Rue de Rivoli, eine der wichtigsten der Stadt, wurden zu Velowegen umgebaut. Wie es dort mittlerweile aussieht, zeigt ein Video, das am 7. Juli 2020 aufgenommen wurde:

Die Velowege sind ein Herzensprojekt der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nächstes Jahr um ihre Wiederwahl kämpft. Verschiedene Umfragen zeigen nun: Sie hatte den richtigen Riecher. Eine schon letzten August durchgeführte Befragung des Réseau Action Climat kam zum Schluss, dass 62 Prozent der Bewohner des Grossraums Paris mit seinen 7 Millionen Einwohnern sich dafür aussprechen, die temporären Pop-Up-Velowege zu dauerhaften Wegen umzufunktionieren. Vor allem 18- bis 35-Jährige unterstützten dies.

Ein neue Studie der Stadtregierung, über die das Portal road.cc berichtet, gibt nun auch überraschende Einblicke in die soziographischen Merkmale der Nutzer dieser Pop-Up-Wege. Die wichtigten Erkenntnisse:

  • 58 Prozent der Velofahrer auf diesen Wegen kamen nach dem Dezember 2019 (dem ÖV-Streik) neu dazu. Nur 42 Prozent waren schon vorher Velofahrer auf diesen Routen.
  • Der Frauenanteil stieg dank den sicheren Wegen von 36 Prozent aller Velofahrer in Paris auf 41 Prozent.
  • 87 Prozent der befragten Velofahrer gaben an, mit der Infrastruktur zufrieden zu sein.
  • 86 Prozent der Velofahrer, die neu auf das Zweirad setzten, hatten vor dem Lockdown den ÖV genutzt.

Laut dem Portal road.cc zeigt sich damit erneut, dass es sich lohnt, eine eigene, sichere Infrastruktur für Velofahrer aufzubauen. Vor allem für Frauen sei der Sicherheitsaspekt die grösste Hemmschwelle für den Umstieg aufs Velo.

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