Trotz «markanten Engpässen»: ZVV plant zwischen Zürich und Winterthur keine Verbesserung vor 2035

Können zwischen Zürich und Winterthur mehr Züge fahren? Bild: RobertKeller / Pixabay

Mit dem Brüttener Tunnel soll die Kapazität zwischen Zürich und Winterthur gesteigert werden. Das Bauwerk ist erst 2035 fertig – und schon vorher mangelt es an Kapazitäten. Welche Lösungen gibt es? Keine, sagt der Kanton Zürich – und rät, Stosszeiten zu meiden. Dafür gibt es anderswo schon früher Verbesserungen.

von Stefan Ehrbar
25. Juni 2021

Auf welchen Bahnstrecken hat es im Jahr 2030 zu wenig Sitz- und Stehplätze? Die Antwort auf die Frage liefern Nachfrageprognosen der SBB – und sie sind eindeutig: Zwischen Lausanne und Yverdon und zwischen Zürich und Winterthur wird es deutlich mehr Passagiere als Sitzplätze geben.

Zwischen den beiden Zürcher Grossstädten soll der Brüttenertunnel zusammen mit weiteren flankierenden Massnahmen Abhilfe schaffen. Das Bauwerk wird die Kapazität um 30 Prozent auf 156’000 Reisende täglich steigern und ermöglicht neben schnelleren Fahrzeiten und mehr Zügen auch bessere Verbindungen in die Ostschweiz. Das einzige Problem: Mit einer Fertigstellung ist erst im Jahr 2035 zu rechnen.


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Hier ist 2030 mit Überlasten zu rechnen. Bild: SBB

Wie will der zuständige Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) in den nächsten 14 Jahren dafür sorgen, dass die Passagiere trotzdem Platz finden? Darauf gibt es jetzt eine Antwort. Sie fällt ernüchternd aus.

Der Regierungsrat hat Anfang Juni ein von den beiden Kantonsräten Manuel Sahli (AL) und Felix Hoesch (SP) eingereichtes Postulat beantwortet. Sie wollten wissen, welche Massnahmen zur Kapazitätserhöhung zwischen Winterthur und Zürich schon vor der Inbetriebnahme des Brüttener Tunnels umgesetzt werden könnten.

Die Antwort des Regierungsrats lautet knapp zusammengefasst: Gar keine.

Für den Zeitraum bis zur Inbetriebnahme der für 2035 vorgesehenen Angebotsausbauten würden auf dem Korridor Zürich-Winterthur zwar «markante Kapazitätsengpässe auf mehreren Linien» prognostiziert, heisst es in der Antwort. Diese Prognose sei aber vor der Coronakrise gemacht worden, die einen grossen Einfluss auf den öffentlichen Verkehr habe.

Es sei davon auszugehen, dass sich die Fahrgastzahlen bis Ende Jahr auf ein Niveau von rund 90 Prozent der Nachfrage von 2019 erholten. Eine Erholung auf 100 Prozent sieht der Regierungsrat wegen veränderter Gewohnheiten wie Homeoffice nicht. Allerdings sei danach mit einem weiteren Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und einer steigenden Zahl der Beschäftigten zu rechnen. Das seien die wichtigsten Einflussfaktoren für die Mobilität und den ÖV. Insgesamt dürfte die Coronakrise die Entwicklung der Nachfrage um rund vier Jahre verzögern.

Das heisst: Die Situation entspannt sich leicht – aber von Kapazitätsengpässen zwischen Zürich und Winterthur ist noch immer vor 2035 auszugehen. Das streitet der Regierungsrat nicht ab.

Die SBB und der Zürcher Verkehrsverbund hätten die Möglichkeit von Ausbauten schon vor 2035 in allen Korridoren systematisch geprüft. Dabei seien namentlich Angebotsergänzungen während der Hauptverkehrszeiten evaluiert worden, um die Überlastungen bei den bestehenden Kursen zu verringern. Solche müssten aber etwa gleich attraktiv sein wie das bestehende Angebot, um eine Wirkung zu erzielen. «Weiter sollten die Angebotsergänzungen eine Vorwegnahme von Massnahmen des STEP-Ausbauschritts 2035 darstellen, damit nicht Angebote eingeführt werden, die wenige Jahre später wieder aufgehoben werden», schreibt der Regierungsrat.

Hinzu komme, dass es schon jetzt eine grosse Herausforderung darstelle, die Bauprojekte rund um den Brüttener Tunnel unter Betrieb und pünktlich zu realisieren. Unter Berücksichtigung dieser Voraussetzungen habe die Prüfung für den Korridor Zürich-Winterthur «keine zweckmässigen und umsetzbaren Lösungen für Angebotsergänzungen im Zwischenhorizont ergeben». Geprüft worden seien etwa zusätzliche S-Bahnen über Wallisellen und Kloten, die Führung des Fernverkehrs über Wallisellen oder die Nutzung von Güterverkehrstrassen.

Die laut ZVV nötigen Projekte für den Ausbauschritt 2035. Bild: ZVV

Was heisst das nun für die Pendler auf dieser Strecke? Müssen sie in den nächsten Jahren mit Stehplätzen und unpünktlichen Zügen rechnen? Es müsse davon ausgegangen werden, dass es «im Zwischenhorizont vereinzelt zu Kapazitätsengpässen kommen kann», schreibt der Zürcher Regierungsrat. Wichtig sei jetzt aber vor allem, dass der Ausbau für die Zeit nach 2035 in Angriff genommen werden könne.

«Der ZVV geht davon aus, dass sich die Nachfrage nach Eindämmung der Pandemie wieder erholen wird», sagt ZVV-Sprecher Caspar Frey. Künftige Kapazitätsengpässe, wie sie vor der Pandemie für den Zustand vor dem Ausbauschritt 2035 erwartet worden seien, würden aber voraussichtlich zeitlich leicht versetzt oder leicht abgeschwächt eintreten.

Die Prüfung für den Korridor Zürich-Winterthur habe keine zweckmässigen und umsetzbaren Lösungen für Angebotsergänzungen bis dahin ergeben. Der aktuelle Fahrplan sei stabil und die aktuell zu erwartenden Überlasten sollten bis zum Ausbauschritt 2035 «trotz allem einen stabilen Betrieb gewährleisten», so Frey. «Die Situation gilt es aber zu beobachten». Und was sagt der ZVV den Pendlern auf dieser wichtigen Strecke? «Den Pendlern werden wir empfehlen, sofern möglich die Hauptverkehrszeiten zu meiden», sagt Frey.

Mit seiner Einschätzung widerspricht der Kanton Zürich auch dem Kanton St. Gallen, der ein Zwischenkonzept für die Zeit zwischen 2025 und 2035 beim Bundesamt für Verkehr (BAV) eingereicht hat. Es sieht die vom Zürcher Regierungsrat bestrittene Möglichkeit der Führung von Fernverkehrszügen über Wallisellen sowie die Vorwegnahme von Angebotsanpassungen der Zürcher S-Bahn vor. Mehr noch: Das Angebot zwischen Winterthur und Zürich kann mit dem St. Galler Konzept laut Michael Kündig vom St. Galler Amt für öffentlichen Verkehr «zwischen Zürich und Winterthur so ausgebaut werden, dass Überlasten beseitigt werden». Zudem würden die Fahrzeiten in die Ostschweiz sinken und Wil würde wieder zum Vollknoten (Mobimag berichtete).

Das St. Galler Konzept sei vom Bund und der SBB noch nicht geprüft worden, sagt ZVV-Sprecher Capsar Frey. Der ZVV werde später in den Prozess einbezogen. «Insbesondere im Korridor Zürich–Winterthur gilt es zu beachten, dass der Zeitraum vor der Umsetzung des Ausbauschritts 2035 durch die Baustellen für den Brüttenertunnel und die weiteren Ausbauten geprägt sein wird. Schon mit dem bestehenden Angebotskonzept, das heisst ohne allfällige Angebotsergänzungen, stellt es eine grosse Herausforderung dar, die Bauprojekte unter Betrieb rechtzeitig zu realisieren.»

Immerhin eine gute Nachricht hat Frey für Zürcher ÖV-Pendler. Zwei Massnahmen könnten möglicherweise bereits vor 2035 umgesetzt werden, nämlich:

  • Zusätzliche Kurse im Korridor am linken Zürichseeufer: Hierfür ist laut Frey der Ausbau des Bahnhof Wädenswil eine Voraussetzung, der gemäss aktuellem Planungsstand im Jahr 2032 realisiert sein sollte.
  • Zusätzliche Kurse im Korridor Zürcher Oberland (Wetzikon-Uster-Wallisellen-Zürich HB): Hierfür ist die Realisierung des Doppelspurausbaus Uster-Aathal vorausgesetzt. Laut Frey wird dieser gemäss aktuellem Planungsstand im Jahr 2030 realisiert.


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