
Immer mehr Menschen fahren in den Städten Velo. Doch das liegt nicht daran, dass weniger Leute Autofahren. Viel mehr gehen weniger Menschen zu Fuss. Die Coronakrise verstärkt nun unerwünschte Trends, wie eine exklusive Analyse zeigt.
von Stefan Ehrbar
8. März 2021
Die NZZ war sich vor zehn Jahren sicher: «Nicht machbar» seien die Ziele der Zürcher Städteinitiative, hiess es in einem Artikel vor der Abstimmung du dieser. Das sagten «der Stadtrat, Verkehrsexperten und der gesunde Menschenverstand». Das Anliegen forderte, dass der Anteil des ÖV, Fuss- und Veloverkehrs in Zürich innert zehn Jahren um 10 Prozent steigen soll. Umgekehrt sollte dafür jener des Autos im gleichen Umfang sinken. Die Stadtzürcher sagten am 4. September 2011 mit 52,4 Prozent Ja zum Anliegen – gegen einen moderateren Gegenvorschlag des Gemeinderats.

Jetzt, fast zehn Jahre später, belegen neue Daten: Derart weltfremd waren die Ziele nicht. Es gelang Zürich, den Anteil des ÖV und des Veloverkehrs zu steigern. Doch beim Auto dürften die Ziele kaum erreicht werden – und damit ist Zürich nicht alleine. Der sogenannte motorisierte Individualverkehr hält sich hartnäckig, und Corona gibt dem Auto neuen Schub.
Die wichtigste Kennzahl für die Verteilung des Verkehrs auf die verschiedenen Verkehrsmittel ist der Modal Split. Er wurde in Schweizer Städten zuletzt 2015 erhoben. Er beschreibt den Anteil einzelner Verkehrsmittel am gesamten Verkehr. Dabei gibt es verschiedene Berechnungsmethoden. In dieser Analyse wird die Methode berücksichtigt, bei der die Wege der Bevölkerung abgefragt oder gemessen werden. Ein Weg kann mit verschiedenen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden, wird aber immer nur einem Verkehrsmittel zugewiesen, nämlich dem wichtigsten. Wer beispielsweise zu Fuss zur Tramhaltestelle läuft, dann mit dem Tram sechs Stationen fährt und von dort das E-Trottinett an den Zielort nimmt, hat zwar drei Verkehrsmittel genutzt. Das wichtigste war aber das Tram, womit dieser Weg vollumfänglich dem Öffentlichen Verkehr zugeschlagen wird.
Die Stadt Zürich berücksichtigt in ihrer Berechnung beispielweise alle Wege, die auf dem Stadtgebiet endeten oder begannen.
Eine Analyse der Entwicklung zwischen 2010 und 2015 zeigt: Der Autoverkehr (MIV) hat in dieser Zeitperiode in Basel, Luzern und St. Gallen sogar zugelegt. In Winterthur blieb er stabil, nur in Zürich sank der Anteil mit 5 Prozentpunkten stark. Zürich verzeichnete auch die höchste Zunahme beim Veloverkehr. In den anderen Städten nahm dieser ebenfalls zu, aber nur sehr gering – und vor allem auf Kosten der Fussgänger.
Veränderungen beim Modalsplit nach obiger Definition in der Periode 2010-2015, totaler Anteil in Klammern
| Stadt | MIV | ÖV | Velo | Fussverkehr |
|---|---|---|---|---|
| Basel | +3% (30%) | 0% (32%) | 0% (12%) | -4% (24%) |
| Bern | 0% (30%) | +2% (38%) | +2% (9%) | -4% (23%) |
| Luzern | +1% (40%) | 0% (27%) | +2% (8%) | -2% (24%) |
| St. Gallen | +1% (47%) | +3% (26%) | +1% (3%) | -4% (24%) |
| Winterthur | 0% (42%) | -1% (23%) | -1% (11%) | -1% (23%) |
| Zürich | -5% (25%) | +2% (41%) | +4% (8%) | -1% (26) |
Neuere, vergleichbare Daten gibt es nicht. Die geplante Erhebung des Modalsplit im Jahr 2020 wurde wegen der Coronakrise verunmöglicht. Alternative Datenquellen ermöglichen es aber, die weitere Entwicklung einzuschätzen.
Die Stadt Zürich unterhält beispielsweise diverse Messstellen, an denen Autos, Fussgänger und Velos gezählt werden. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) haben zudem einen Teil ihrer Flotte mit Sensoren ausgestattet, welche die Passagierzahlen messen und Hochrechnungen ermöglichen. Gleiches gilt für die S-Bahnen, die von der SBB betrieben werden. Die Zahlen zeigen: Seit 2015 ist der Autoverkehr nicht mehr so stark zurückgegangen wie zuvor, nämlich nur noch um knapp 3 Prozentpunkte. Der ÖV und das Velofahren haben hingegen deutlich zugelegt.

Fürs Velofahren zeigen Daten aus anderen Städten ein ähnliches Bild. In Basel-Stadt nahm die Zahl der Velofahrer zwischen 2015 und 2019 laut Zahlen des Kantons um 28 Prozent zu. Bern stellte zwischen 2014 und 2017 eine Zunahme des Veloverkehrs um 35 Prozent fest.
Doch der positive Trend beim ÖV in Zürich ist unter den grossen Städten eine Ausnahme – möglicherweise auch deshalb, weil Zürich das Angebot deutlich erhöht hat, etwa mit der Inbetriebnahme der Durchmesserlinie für die S-Bahn oder dem Tram über die Hardbrücke. Um 3 Prozent stieg die Zahl der angebotenen Kilometer im ÖV zwischen 2015 und 2019. In anderen Städten sieht die Lage deutlich schlechter aus:
- In Basel nahmen die Frequenzen im ÖV zwischen 2015 und 2019 um zwei Prozent ab.
- Ein ähnliches Bild in Bern: Die Zahl der Fahrgäste von Bernmobil nahm zwischen 2015 und 2019 zwar um 2,3% zu. Die Zahl der Einwohner stieg aber in der genau gleichen Grössenordnung. Merkbare Anteilsgewinne konnte der ÖV damit nicht verbuchen.
- In St. Gallen sank die Zahl der täglichen Passagiere von Stadtbus St. Gallen zwischen 2015 und 2019 von 72’500 auf 71’900. Die Zahl der Einwohner stieg hingegen um 0,7%.
- Signifikante Fortschritte hat der ÖV nur in Winterthur gemacht. Die Zahl der Fahrgäste von Stadtbus Winterthur innerhalb der Stadt stieg zwischen 2015 und 2019 um 10%, die Zahl der Einwohner hingegen nur um 4,5%.
Sorgen bereiten müsste der Politik zudem, dass der Veloboom nicht auf Kosten des Autos stattfand. Das zeigen nicht nur Zahlen aus Zürich: In Basel lagen die gemessenen Frequenzen des Autoverkehrs im Jahr 2019 nur um ein Prozent tiefer als noch 2010. Die grössten Verluste hatte in Basel zuletzt der Fussverkehr zu verzeichnen – wie das schon in den Jahren zuvor in fast allen anderen Städten der Fall war.
Die Coronakrise hat nun erreichte Fortschritte bei der Verkehrsverlagerung zumindest zwischenzeitlich zunichte gemacht. Das zeigt sich am Beispiel von Zürich. Eine exklusive Analyse von Mobimag mit neuen Daten für das Jahr 2020 liefert folgende Erkenntnisse:
- Der Autoverkehr hat in absoluten Zahlen abgenommen. An den Zählstellen an der Rosengartenstrasse wurden 0,8 Prozent weniger Fahrzeuge gezählt als 2019. Das heisst aber auch: Der relative Anteil des Autos stieg, weil der Rückgang bei anderen Verkehrsmitteln viel grösser war.
- Die Nutzung des öffentlichen Verkehrs hat abgenommen – während des Lockdowns sogar sehr stark. Danach haben sich die Zahlen wieder erholt, ohne das Vorjahresniveau auch nur annähernd zu erreichen. Ende Jahr lag die Zahl der an der Haltestelle Hardbrücke gemessenen Passagiere um 30 Prozent unter den Werten des Vorjahres (7-Tage-Mittelwert). Zwar hatte sich die ÖV-Nutzung im Sommer etwas erholt, aber selbst die besten Werte des Jahres 2020 lagen um 15 Prozent unter jenen von 2019.
- Die Zahl der Fussgänger hat deutlich abgenommen – ein präziser Vergleich ist aus methodischen Gründen allerdings nicht möglich.
- Die Zahl der an den Messstellen gezählten Velos hat 2020 im Vergleich zum Vorjahr um über 17 Prozent zugenommen.
Würde der Modalsplit 2020 erneut erhoben, wären gegenüber den Vorjahren folgende Verschiebungen zu erwarten:
- Der Anteil des Autos als Hauptverkehrsmittel wäre stabil bis leicht steigend – denn obwohl die absolute Zahl an Fahrten abgenommen hat, sank die Gesamtmobilität stärker.
- Der ÖV hat an Anteil eingebüsst.
- Der Fussverkehr nahm ab.
- Das Velo hat erneut deutlich und überdurchschnittlich zugelegt.
Diese Erkenntnisse dürften grösstenteils auch auf andere Städte übertragbar sein, hat die Coronakrise doch überall ähnlich stark eingeschlagen und die Mobilitätsmuster in ähnlicher Weise verändert. Das bestätigt auch das Mobilitäts-Monitoring von Mobimag.
Das Auto hält sich in den Schweizer Städten hartnäckig. Zu denken geben müsste diesen, dass ihnen die Fussgänger im wahrsten Sinne des Wortes davonlaufen. Zumindest für den ÖV, auch das zeigen die Zahlen, gibt es aber auch gute Nachrichten: Grosse Ausbauten des Angebots, wie sie in Zürich gemacht wurden, erhöhen die Nachfrage sofort und auch auf Kosten des Autos. Ob die Politik bereit ist, in Zeiten von Corona solche Investitionen zu tätigen, ist eine andere Frage. Mit Blick auf die allerorts proklamierte Verkehrswende dürfte ihr allerdings kaum etwas anderes übrig bleiben.
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