
Die Wirtschaftsprüfer der Firma PWC haben untersucht, wie Schweizer Städte in Sachen «Smart Mobility» dastehen und wo Handlungsbedarf besteht. Sie sehen viele Hürden: So passe beispielsweise die Finanzierung nicht zu den Anforderungen und beim Datenaustausch sei der Nachholbedarf gross.
von Stefan Ehrbar
17. Oktober 2022
Der Schweizer Ableger der Wirtschaftsprüfungsfirma PwC hat untersucht, wie eine zukunftsfähige Mobilität in den Schweizer Städten entwickelt werden könnte. Der Bericht «Smart Mobility» wurde vor kurzem veröffentlicht. Mobimag stellt die wichtigsten Erkenntnisse vor.
Aufgrund der zunehmenden Klimaveränderung, der Urbanisierung, des Bevölkerungswachstums und des wachsenden Wohlstands stünden viele Städte vor grossen Mobilitätsherausforderungen, heisst es in der Studie. Zentrale Herausforderungen in der Schweiz seien die Verkehrsüberlastung und die Feinstaubbelastung. Die gesundheitsschädlicheren Werte würden in den grössten Schweizer Städten beim 2- bis fast 2,5-fachen des von der WHO empfohlenen Grenzwertes liegen.
Die Städte würden zwar viel unternehmen, insbesondere mit Blick auf intelligente Mobilitätslösungen, Infrastruktur- und Stadtraumentwicklung. Vergleichsweise wenig geschehe aber in der Dimension Finanzierung und Versicherung, wozu auch die Public Private Partnerships (PPP) gehören. Diese stellen laut PwC aber «einen wesentlichen Erfolgsfaktor für die nachfrageorientierte und innovative Entwicklung von Mobilitätsökosystemen dar».
In politischen Strategien brauche es mehr Mut, inhaltliche Klarheit und einen gekonnten Umgang mit der Komplexität und dem langen Zeithorizont zahlreicher Mobilitätsinitiativen, heisst es in der Studie. Zusammengefasst kommen die Autoren zu diesen Erkenntnissen:
- Im Bereich intelligente Mobilitätslösungen seien die grössten Städte schon sehr aktiv – etwa mit On-Demand-Angeboten wie Pikmi in Zürich oder Mobilisk in Basel. Auch City-Logistik-Projekte wie die SalüBox in Zürich oder das Konzept Stadtlogistik in Bern werden positiv hervorgehoben. Solche Pilotprojekte könnten schnell und einfach umgesetzt werden. Die dauerhafte Einführung und Skalierung werde aber von regulatorischen Hürden und städtischen Vorgaben behindert. Im digitalen Bereich liege die Herausforderung bei der Verfügbarkeit der notwendigen Daten.
- Im Bereich Infrastruktur und Stadtraum seien Städte wie Basel und Zürich ebenfalls aktiv – etwa mit der Installation von Sensoren und Kameras, um Verkehrsflüsse zu lenken und Parksysteme zu optimieren. Auch im Bereich öffentliche Ladestationen tue sich vieles. Intermodale Mobilitätshubs seien sehr präsent. Viele Vorhaben würden aber als Pilotprojekt konzipiert und zeigten kurzfristig eindrückliche Ergebnisse, doch danach scheiterten sie an fehlenden Rahmenbedingungen etwa auf der Ebene Datenschutz.
- Im Bereich Mobilitätsformen und Verkehrsträger sei festzustellen, dass das Angebot im Bereich der Mikromobilität laufend ausgebaut werde, etwa mit eScootern. Auch den Warentransport mit Drohnen testeten die Städte. Zudem hätten sich die Branche und die Start-Up-Szene in der Schweiz etabliert. Von den Pilotversuchen mit autonomer Mobilität sei allerdings nur ein kleiner Teil ind den Regelbetrieb überführt worden, was auch an der Coronakrise und der Rentabilität sowie einer noch zu geringen Marktreife der eingesetzten Technologie liege. Als «Lichtblick» bezeichnet PwC die Revision des Strassenverkehrsgesetzes, die den Rahmen für automatisiertes Fahren schaffe.
- Was Finanzierung und Versicherung betrifft, werde in der Schweiz zu wenig getan. Es gebe zwar etwa Smart City Labs in Basel oder St. Gallen und Städte böten Förderprogramme für Energie und Nachhaltigkeit mit Schnittstellen zur Mobilität. Ansonsten seien die Fördermassnahmen aber kompliziert und die Finanzierung unzureichend. Für einen langfristigen Piloten mit autonomen Fahrzeugen gebe es etwa hierzulande kein geeignetes Gefäss, denn die drei Staatsebenen und die verschiedenen Infrastrukturarten wie Schiene und Strasse würden ungleich begünstigt. Die intermodale Mobilität setze aber aus finanzieller Perspektive eine Gesamtsicht auf den Sektor voraus. Auch werde der Finanzierung von Innovationen eine zu tiefe Priorität beigemessen, und langwierige und komplexe Bewerbungsprozesse behinderten die Finanzierung.
- Nur ein leicht besseres Zeugnis stellt PwC den Städten im Bereich Governance, Regulation und Standards aus. Zwar hätten etwa Zürich und Basel eine Smart-City-Strategie mit einem Teil zur Mobilität definiert. Doch zum Thema IT-Sicherheit sei wenig bis nichts zu finden. Zudem habe der Bund noch keine nationale Datenstrategie entwickelt.
- Was den Bereich Innovationsökosystem betrifft, ist PwC guter Dinge. So lade etwa die Stadtbox in Zürich Mitarbeitende ein, smarte und innovative Projektideen einzubringen. Zudem fänden sich vermehrt partizipative Ansätze. In Smart-City-Vereinen kämen Akteure aus unterschiedlichen Branchen zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit Universitäten, Startups und Firmen wie Vianova oder Whim wird gelobt. Städtische Verkehrsbetriebe stünden vor der Herausforderung, dass bei ihnen als Subventionsempfänger umfangreiche Innovationen kritisch beäugt würden. In diesem Zusammenhang wird die Unterstützung durch das Bundesamt für Verkehr mit seinem Förderprogramm positiv hervorgehoben.
- Im Bereich Daten und Technologie sieht die Studie noch Luft nach oben. Erwähnt wird der Aufbau der nationalen Mobilitätsdateninfrastruktur (MODI), welche Voraussetzung für ein funktionierendes Smart-Mobility-Ökosystem sei. In Basel würden mit dem Projekt OKEE die Batterien von Elektrofahrzeugen mit dem Energiemanagementsystem von Gebäuden und Arealen verknüpft. Das Astra führe Pilotprojekte zum Building Information Modeling (BIM) durch. Für den Aufbau von Smart Mobility seien solide Infrastrukturen, zuverlässige Netze und Sensoren sowie der Datenaustausch und die Datenvernetzung nötig. Der Informations- und Datenfluss sei aber in der Schweiz noch nicht vollumfänglich gewährleistet und werde durch den Datenschutz und die Datendurchlässigkeit zwischen den Ämtern erschwert.
Als Fazit empfehlen die Autoren eine verstärkte Koordination zwischen Bund und Kantonen und kürzere Implementierungszeiten. Zudem brauche es gesetzliche Grundlagen, und private Akteure benötigten verlässliche und einfache Spielregeln für ihre Investitionen. Dazu gehören die Öffnung des ÖV-Vertriebs für Dritte, die Gesetzeslage zum autonomen Fahren sowie die Verrechenbarkeit von Entwicklungs-Innovationsprojekten für öffentliche Unternehmen. Auch sollten sich Städte absprechen. «Der kleine Schweizer Markt würde für internationale Unternehmen vermutlich attraktiver, wenn die Städte ihre Anforderungen an die Anbieter koordinierten», heisst es in der Studie.
Wichtig wären zudem umfangreiche Reallabors und entsprechende Finanzierungslösungen, die in der Schweiz nicht vorhanden seien. «Die Finanzierung von Innovationen ist in der Schweiz komplex und an viele Vorgaben geknüpft. Die Gefässe (z. B. Innosuisse, Förderung durch Bundesämter) passen nicht so richtig zu den Anforderungen grösserer Smart-Mobility-Projekte mit hohen Investitions- und Betriebskosten für Regelbetrieb und Skalierung», schreiben die PwC-Autoren. «Während bei der Infrastruktur mit den Fonds genügend Mittel zur Verfügung stehen, scheitern neue Dienstleistungen oder Innovationen an der Anschlussfinanzierung. Dieses Ungleichgewicht und eine teilweise nicht zielführende Abgrenzung, was als unterstützungsberechtigt gilt und was nicht, ist zu überdenken. »
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