
Wie gut sind die Nachtzüge aus der Schweiz gebucht? Wann kommen die neuen Kompositionen auf den Verbindungen ab Zürich, wie entwickeln sich die Preise, wieso sind die Züge so häufig verspätet und was macht die Bahn, um das zu ändern? ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder nimmt Stellung.
von Stefan Ehrbar
27. Juni 2022
Die ÖBB haben den Nachtzügen in den letzten Jahren mit der Lancierung der «Nightjets» und neuen Euronight-Zügen zu einem Comeback verholfen. Mittlerweile ist diese Art der Fortbewegung sehr gefragt: Im Hochsommer sind diverse Schlafwagen etwa von Zürich nach Hamburg oder Wien zu einem grossen Teil schon ausgebucht. Ab der Schweiz fahren täglich Nachtzüge nach Wien, Hamburg, Berlin, Graz, Budapest, Zagreb, Prag und Amsterdam.
Auch die SBB arbeiten wieder mit der ÖBB zusammen und engagieren sich stärker im Nachtzug-Geschäft – etwa mit dem im Dezember 2021 lancierten täglichen Nachtzug von Zürich via Basel nach Amsterdam. Doch gleichzeitig teilte die SBB kürzlich gegenüber Mobimag mit, dass die ursprünglich geplanten Nachtzüge von Zürich nach Rom und Barcelona bis auf weiteres nicht kommen, weil keine Finanzierungslösung gefunden werden konnte (Mobimag berichtete). Und hohe Energiekosten setzen auch den Zügen zu.
Wie geht es in den nächsten Monaten und Jahren weiter? Bernhard Rieder, Sprecher der federführenden ÖBB, nimmt Stellung zu Fragen von Mobimag.
Welche Destinationen respektive Verbindungen sind dieses Jahr besonders gut gebucht?
Bernhard Rieder: Zugreisen in Europa sind wieder stark gefragt. Für Tagreisen sind Entfernungen von sechs bis acht Stunden ideal. Für weitere Entfernungen in Europa bietet sich der Nightjet an. Für den Sommer ist der Nightjet schon sehr gut gebucht. Da sollte man rasch reservieren und eventuell auch bei den Tagen etwas flexibel sein. Die Verbindungen nach Amsterdam, Zürich, Hamburg und die neue Verbindung nach Paris sind besonders stark gebucht – da gilt es rasch sich zu entscheiden.
Angekündigt wurde ein Kapazitätsausbau, etwa zwischen Zürich und Berlin. Wie wird dieser genau zustande kommen?
Bereits ab Dezember 2022 werden wir die Kapazität zwischen Zürich und Berlin sowie Zürich und Hamburg erhöhen. Es werden zwei getrennte Zugpaare ab Zürich verkehren.
Wann kommen die neuen Nightjet-Garnituren (mehr Informationen dazu auf oebb.at) auf den Zügen von und in die Schweiz zum Einsatz? Welche Verbindungen werden zuerst damit bedient?
Die neuen Nightjet-Garnituren kommen zuerst auf den Verbindungen von Deutschland und Österreich nach Italien ab Sommer 2023 zum Einsatz. Bei der Lieferung der weiteren neuen Nightjet-Garnituren werden auch Verbindungen ab Schweiz mit diesen Wagen bedient. Der Nachtzug Zürich-Amsterdam bleibt aktuell bei den herkömmlichen Nightjet-Wagen.
Welche Buchungskategorien sind besonders gefragt?
Gerade der Schlafwagen ist immer am schnellsten ausgebucht. Für diesen Sommer sind Verbindungen nach Amsterdam, Zürich, Hamburg und die neue Verbindung nach Paris besonders stark gebucht, weiter alle Verbindungen in den Süden.
In diesem Zusammenhang kommt immer wieder die Frage auf, warum die Kapazitäten nicht spontan erweitert werden können. Wie lautet die Antwort?
Wir haben aktuell alle Fahrzeuge im Einsatz, die Beschaffung neuer Züge dauert aber Jahre. Die ÖBB investieren in moderne und attraktive Züge für den Nachtverkehr. Insgesamt sind das rund 790 Millionen Euro für Modernisierung und neue Garnituren. Die ersten neuen Züge kommen im Sommer 2023, alle 33 neuen 7-teiligen Nightjets werden bis Ende 2024 ausgeliefert sein. Damit sind die ÖBB die einzige Bahn in Europa die so massiv in Nachtzüge investiert.
Nachtzüge sind noch immer häufig teurer als Fliegen. Wird sich das je ändern?
Wenn man einen Single-Platz im Schlafwagen mit einem low-cost Flug Anbieter vergleicht, dann ist die Bahn teurer. Die ÖBB bieten aber auch Sitzplätze ab 29,90 Euro im Nightjet an – und das inklusive Gepäck. Man muss sich jeden Vergleich sehr genau ansehen.
Wohin möchten Sie noch expandieren? Welche möglichen Ziele aus der Schweiz stehen im Fokus?
Aktuell werden wir ab Dezember 2022 das Angebot Richtung Deutschland erhöhen. Es gibt ab der Schweiz noch einige interessante Destinationen, diese sind aber noch nicht final bestätigt. Gerade mit der SBB sind wir hier in enger Abstimmung. Die Kooperation mit der SBB ist für unser Engagement aus der Schweiz heraus essentiell.
Der ÖBB erwächst Konkurrenz etwa durch private Anbieter wie European Sleeper, aber auch die tschechische Bahn scheint gewisse Ambitionen für Nachtzüge ausserhalb ihres Einzugsgebiets zu hegen. Was bedeutet das für Ihr Geschäftsmodell?
Europa ist gross genug für deutlich mehr Nachtzug-Strecken, es gibt noch genügend Städte ohne Nachtzug-Anbindung. Wir sehen andere Anbieter am europäischen Markt durchaus positiv.
Zunehmend beliebt ist auch der Velo-Transport im Zug. Wie reagiert die ÖBB darauf?
Wir tragen dem Boom nach Fahrrad-Transport im Zug Rechnung. Alle neuen Nightjet-Garnituren haben die Möglichkeit des Radtransport. Zusätzlich haben wir 21 neue Comfort-Liegewagen, die ebenfalls den Fahrrad-Transport ermöglichen.
Die Pünktlichkeit vieler Nachtzüge ist noch nicht ideal. Wie wollen Sie dieses Problem angehen?
Die Pünktlichkeit von Nachtzügen ist aktuell wirklich eine Herausforderung. Gerade Nachtbaustellen müssen besser koordiniert werden und Nachtzüge dürfen in der Priorität nicht benachteiligt werden.
Mit welcher Preisentwicklung für Nachtzüge rechnen Sie in Zukunft?
Wir sehen eine hohe Steigerung bei den Kosten für Energie und eine hohe Inflation. Die Anpassung der Preise erfolgt bei den ÖBB immer im Dezember. Eine Entscheidung dazu ist noch nicht gefallen.
Nachtzug-Enthusiasten diskutieren immer wieder die Möglichkeit eines Nachtzugs nach London. Wie stehen Sie dazu? Wäre das technisch möglich?
Eine Anbindung von London ist für die ÖBB kein Thema, wegen technischer Herausforderungen aber auch wegen den extrem hohen Kosten dieser Verbindung.
Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel hält Nachtzüge wegen ihrer geringen Wirtschaftlichkeit und geringen Transportkapazität für «Symbolpolitik». Auch im Mobimag-Interview hat er kritische Worte gefunden. Was entgegnen Sie darauf?
Der Nachtzug ist natürlich eine Nische. Aber wir hatten 2019 über 1,5 Millionen Nachtreisende in unseren Zügen, bis 2026 sollen es drei Millionen werden. Die Einsparungen an CO2-Emissionen sind da schon ein Thema.
Ich war vor Kurzem in solch einem Zug (Zürich Amsterdam). Meine Freundin musste in der Nacht aufs Klo, der Schüssel für unser Abteil funktionierte nicht, die Türen zu den anderen Wagen wenn geschlossen und niemand war da. Sie musste 20 Minuten an die Tür hämmern bis ich es bemerkte, so laut ratterte der Zug. Ich fliege aus ökologischen Gründen nicht und hoffte, ihr zeigen zu können, dass der Nachtzug komfortabler ist. Das haben die ÖBB mir zerstört.