
Lärm, Unfälle und Luftverschmutzung: Der Verkehr verursacht hohe externe Kosten, die nicht von den Benützern getragen werden. Der Bund hat berechnet, wie hoch diese pro Verkehrsmittel ausfallen. Trotz gesundheitlicher Vorteile schliesst das Velo negativ ab und das Auto schlechter als in früheren Berechnungen.
von Stefan Ehrbar
29. August 2022
Wer mit dem Auto unterwegs ist, bezahlt über den Treibstoff Steuern, mit denen etwa der Unterhalt und der Bau von Strassen finanziert werden. Doch für andere Kosten, die wegen des Autofahrens entstehen, kommen die Benützer nicht auf: Etwa gesundheitliche Schäden, weil Lärm und Luftverschmutzung krank machen, oder Kosten, die für die Genesung nach Unfällen anfallen. Diese externen Kosten werden – anders als die internen Kosten (manchmal auch «private Kosten» genannt) – von der Allgemeinheit bezahlt.
Der Strassenverkehr ist nicht die einzige Art von Verkehr, die solche externe Kosten zur Folge hat. Auch unter Bahn- oder Fluglärm leiden Menschen, und beim Velofahren kommt es zu vergleichsweise vielen Unfällen, die hohe Heilungskosten und Ausfälle bei der Arbeit zur Folge haben.
Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) berechnet alle paar Jahre neu, wie hoch die externen Kosten des Verkehrs in der Schweiz ausfallen. Ende Juni wurde die neueste Fassung mit Zahlen für das Jahr 2019 veröffentlicht.
Nicht alle externen Kosten lassen sich mühelos in einen Geldwert umsetzen. So gibt es kein Preisschild, wenn wegen dem Bau einer Verkehrsinfrastruktur ein Lebensraum für Tiere und Pflanzen verloren geht, oder für das Leid von Menschen, die Angehörige bei einem Autounfall verlieren. Um diesen Wert zu berechnen, wird etwa auf Befragungen zurückgegriffen, welche zeigen, welche Kosten die Gesellschaft bereit ist auf sich zu nehmen, um einen Todesfall zu verhindern. Daraus kann abgeleitet werden, wie hoch ein verlorenes Lebensjahr bewertet werden soll. Für das Jahr 2019 geht das ARE von einem Wert von 6,9 Millionen Franken für den sogenannten «Wert des statistischen Lebens» aus.
Mobimag hat die aktuelle Studie analysiert und mit der letzten Ausgabe aus dem Jahr 2014 mit Zahlen für das Jahr 2010 verglichen. Die externen Kosten berücksichtigen den Personen- und den Güterverkehr. Das sind die sieben wichtigsten Erkenntnisse:
- Die externen Kosten des Verkehrs insgesamt sind zwischen 2010 und 2019 deutlich von 12 auf 14 Milliarden Franken pro Jahr angestiegen. Das liegt vor allem daran, dass mehr Kilometer zurückgelegt werden, dass die Bevölkerung zunahm und dementsprechend mehr Leute von Lärm und Luftverschmutzung betroffen sind, und an steigenden Preisen und Einkommen. Dass es gleichzeitig zu immer weniger Autounfällen kommt und die Elektromobilität sich durchzusetzen beginnt, konnte diese Effekte noch nicht wettmachen.
- In absoluten Zahlen ist der Strassenverkehr mit externen Kosten von 11,2 Milliarden Franken der grösste Kostenblock, gefolgt vom Luftverkehr mit 1,5 Milliarden Franken, dem Schienenverkehr mit 1,2 Milliarden Franken und dem Schiff mit 106 Millionen Franken. Bei der Strasse macht der private Verkehr mit Autos den grössten Teil aus (7,8 Milliarden Franken), gefolgt vom Fuss- und Veloverkehr (1,1 Milliarden Franken). Der öffentliche Verkehr auf der Strasse verursacht externe Kosten von 293 Millionen Franken. Als einzige Verkehrsart sorgt der Fuss- und Veloverkehr auch für einen Nutzen, der der Allgemeinheit zugrunde kommt. Wer zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs ist, tut etwas für seine Gesundheit und senkt so die Kosten des Gesundheitssystems. Dieser Effekt schlägt mit 1,4 Milliarden Franken pro Jahr zu Buche.
- Der Langsamverkehr nützt kombiniert mehr als dass er schadet (1,1 Milliarden Franken negative externe Kosten vs 1,4 Milliarden Franken positiver externer Nutzen). Allerdings betrifft dies vor allem den Fussverkehr. Beim Veloverkehr wird dieser Nutzen durch höhere Unfallkosten wieder zunichte gemacht, so dass auch das Velo insgesamt negativ abschneidet. In Zahlen pro zurückgelegtem Kilometer ausgedrückt: Der Fussverkehr sorgt für einen externen Nutzen von 9,5 Rappen pro Kilometer, der Veloverkehr verursacht externe Kosten von 4,1 Rappen pro Kilometer.
- Der Veloverkehr verursacht damit höhere externe Kosten pro Personenkilometer als der Schienenverkehr: Dieser kommt auf einen Wert von 3,4 Rappen pro Kilometer. Schlechter schneidet dagegen der öffentliche Strassenverkehr ab (6,5 Rappen pro Kilometer) sowie das private Auto (7,8 Rappen pro Personenkilometer). Erstaunlich gut schneidet der Luftverkehr mit 2,6 Rappen pro Kilometer ab, wegen der schlechten Bilanz bezüglich Schadstoffe und Klimawirkung sehr schlecht sieht die Bilanz hingegen für die Schifffahrt mit 27,4 Rappen pro Personenkilometer aus. Im Schiff- und Luftverkehr wird das sogenannte Halbstreckenprinzip angewendet: Es werden alle zurückgelegten Strecken ab der Schweiz bis zur Hälfte der Strecke zum ausländischen Ziel und umgekehrt erfasst. Würden alle Länder so vorgehen, wären alle Strecken abgedeckt.
- Der ÖV braucht hohe Auslastung und lange Strecken: Die externen Kosten des ÖV wären laut dem ARE bei langen Strecken in wenig besiedeltem Gebiet tiefer als etwa auf innerstädtischen Strecken. Andererseits schneidet der ÖV besser ab, je höher seine Auslastung ist, was tendenziell in urbanen Gegenden der Fall ist. Dass die Werte noch besser werden, wird auch vom Föderalismus verhindert. «Aufgrund der Anforderungen an den Service Public werden auch weniger gut ausgelastete Strecken betrieben. Dadurch ist der durchschnittliche Auslastungsgrad tiefer», schreibt das ARE. Mit anderen Worten: Die externen Kosten des ÖV auf der Strasse sind etwa vergleichsweise hoch, weil auch Postauto-Linien auf dem Land mit wenigen Fahrgästen betrieben werden, nicht wegen den gut ausgelasteten Bussen in den Städten, die zudem häufiger elektrisch betrieben werden.
- Zwischen 2010 und 2019 sind die externen Kosten fast aller Verkehrsträger im Personenverkehr gestiegen. Beim motorisierten Strassenverkehr wurde eine Steigerung von 12 Prozent verzeichnet. Gesunkene Unfallzahlen konnten Steigerungen in anderen Bereichen wie das Bevölkerungswachstum oder steigende Preise nicht kompensieren. Beim Fuss- und Veloverkehr resultierte eine Zunahme von 4 Prozent. Während der externe Gesundheitsnutzen des Fuss- und Veloverkehrs um stolze 175 Millionen Franken stieg und die Unfallkosten des Fussverkehr nur leicht von 360 auf 388 Millionen Franken zunahmen, wurden beim Veloverkehr deutlich mehr externe Kosten in Folge von Unfällen registriert, nämlich jährlich 526 Millionen Franken. Im Jahr 2010 hatte dieser Wert noch 450 Millionen Franken betragen. Das Velo schneidet deshalb etwas schlechter ab als noch 2019. Zum Vergleich: Die externen Unfallkosten privater Personenwagen betrugen 2019 gut 370 Millionen Franken, jene der Motorräder 205 Millionen Franken. Motorräder dürften damit pro Personenkilometer wohl mit am schlechtesten abschneiden, werden aber nicht separat ausgewiesen. Beim öffentlichen Strassenverkehr stiegen die externen Kosten zwischen 2010 und 2019 um 17 Prozent pro Kilometer, beim Schienenverkehr um 21 Prozent und beim Luftverkehr gar um 66 Prozent. Das wird mit einer starken Zunahme der Verkehrsleistung begründet. Das Schiff verursachte 2019 um 6 Prozent höhere externe Kosten als noch 2019. Die Kosten aller Verkehrsträger stiegen auch, weil die negativen Wirkungen der Luft- und Lärmverschmutzung stärker zu Buche schlagen als noch in der Erhebung für das Jahr 2010.
- Schlecht schneiden die «fahrzeugähnlichen Geräte» wie E-Trottinette, Inline-Skates oder Skateboards ab. Obwohl sie für sehr wenige Kilometer verantwortlich sind, verursachen sie externe Kosten in der Höhe von 60 Millionen Franken pro Jahr. Einen gesundheitlichen Nutzen konnte das ARE für diese Gefährte nicht quantifizieren. Die Unfallkosten nahmen zwischen 2010 und 2019 um 8 Millionen Franken jährlich zu.
Der ausführliche Bericht zu den externen Kosten des Verkehrs in der Schweiz findet sich online als pdf auf der Website des ARE: Link zum Dokument (externe Seite).
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