Lange Öffnungszeiten und Sonntagsverkauf: So entwickelten sich die Bahnhöfe zu Shoppingtempeln (Abo)

Grösster Shopping-Bahnhof der Schweiz: Der Zürcher HB. Bild: Pascal Meier / Unsplash

Das Geschäft mit den Läden in Bahnhöfen hat sich zu einem der wichtigsten Ertragspfeiler der SBB entwickelt. Selbst in der Coronakrise wirft die Immobiliensparte Gewinn ab. Die Bahn profitiert von grosszügigen Regeln zu den Ladenöffnungszeiten und zum Sonntagsverkauf. Für immer mehr Bahnhöfe hat sie die Spezialregeln beantragt..


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von Stefan Ehrbar
27. September 2021

Am Anfang stand ein Streit. Jahrelang hatten sich Gewerkschaften und die SBB eine Schlacht um die erlaubten Öffnungszeiten im Zürcher Hauptbahnhof geliefert. Im Jahr 2002 entschied das Bundesgericht zugunsten der Gewerkschaften: Es untersagte den allermeisten Geschäften im grössten Schweizer Bahnhof – und auch am Flughafen Zürich – sonntags Personal zu beschäftigen. Mit wenigen Ausnahmen mussten diese «Nebenbetriebe» genannten Läden und Dienstleistungsbetriebe, die nicht direkt fürs Reisen benötigte Produkte verkauften, sonntags wieder schliessen.

Diese Situation rief die Politik auf den Plan. Der damalige FDP-Nationalrat Rolf Hegetschweiler reichte eine parlamentarische Initiative ein mit dem Ziel, diesem Zustand ein Ende zu setzen. Diese «Lex Shopville» beschäftigte den Politikbetrieb und sorgte für gehässige Kommentare in Richtung Limmatstadt. «Ich habe es in der eidgenössischen Politik ein bisschen satt, dass jedes Mal, wenn Zürich hüstelt, die Eidgenossenschaft sich in Fieberkrämpfen windet», sagte der damalige Solothurner Ständerat Ernst Leuenberger (SP) im September 2004 in der grossen Kammer. Die baselstädtische Ständerätin Anita Fetz (SP) äusserte sich ähnlich: «Manchmal hat man wirklich das Gefühl, dass sich die ganze Schweiz darum kümmern muss, wenn sich in Zürich verschiedene Parteien streiten und keine Konsenslösung finden», ist im Ratsprotokoll vermerkt.


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Am 27. November 2005 kam die daraus entstandene Vorlage «Ladenöffnungszeiten in Zentren des öffentlichen Verkehr» zur Abstimmung. Eine wenig komfortable Mehrheit von 50,6 Prozent der Stimmbevölkerung legte ein Ja ein – und sorgte dafür, dass in den grossen Bahnhöfen und Flughäfen seither alle Läden und Dienstleistungsbetriebe ungeachtet ihres Angebots und kantonaler Regeln sonntags genauso geöffnet sein dürfen wie unter der Woche spätabends und frühmorgens. Dass die Gewerkschaften diese Handhabung am Zürcher Hauptbahnhof zuvor bekämpft hatten, sollte sich als Pyrrhussieg erweisen.

In einer ersten Fassung der Verordnung zum Gesetz wurden 25 Bahnhöfe benannt, die als solche Zentren gelten, nämlich:


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  • Aarau, Baden, Basel SBB, Bellinzona, Bern, Biel, Brig, Chur, Frauenfeld, Freiburg, Genf, Genf Flughafen, Lausanne, Lugano, Luzern, Neuenburg, Olten, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen, Thun, Uster, Wil, Winterthur, Zug, Zürich Flughafen, Zürich Hauptbahnhof, Zürich Oerlikon und Zürich Stadelhofen.

In den Jahren darauf wuchs diese Liste stetig. Qualifizieren für den Status eines Zentrum des öffentlichen Verkehrs können sich die Bahnhöfe mit dem höchsten Ticket-Umsatz – wobei nicht die physisch dort getätigten Verkäufe betrachtet werden, sondern alle physisch und online verkauften Tickets mit dem Bahnhof als Start- und Zielort. Die SBB und andere Bahnhofsbetreiber können dem Bund beantragen, einen Bahnhof zu einem solchen Zentrum zu ernennen, worauf dieser prüft, ob die Voraussetzungen gegeben sind. Davon hat die Bahn in den vergangenen Jahren eifrig Gebrauch gemacht, wie die Auflistung der hinzugekommenen Bahnhöfe zeigt.


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  • Im Jahr 2008 wurde der Bahnhof Zürich Enge auf die Liste aufgenommen.
  • 2011 folgten die Bahnhöfe Nyon, Sitten, Vevey, Visp und Zürich Altstetten.

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