Luftfahrt: Konsolidierung in Europa während Airlines in Saudi-Arabien Grossbestellungen bei Boeing und Airbus aufgeben

Die Weihnachtszeit ist immer für eine Überraschung gut, ob hier die Swiss A320 «AirDeer» voller Geschenke abfliegt ist nicht überliefert. Bild P. Trippi

Die letzten unabhängigen und namhaften Fluggesellschaften in Europa sollen mit Minderheits- und Mehrheitsbeteiligungen von den grossen Airlines integriert werden. Die Luftfahrt boomt im Nahen Osten nach wie vor, jetzt setzt Saudi-Arabien eine neue Luftfahrtstrategie um. Mobimag blickt hinter die Kulissen dieser Umwälzungen.

von Peider Trippi,
24. Dezember 2025

Nachdem die skandinavische SAS durch eine Beteiligung in die Air France-KLM Gruppe wechselte und die italienische ITA durch die Lufthansa übernommen wurde bleiben nur noch wenige namhafte Fluggesellschaften als unabhängige Airlines im europäischen Markt. Dazu gehören die portugiesische TAP und die spanische Air Europe.

Im Jahr 2024 übernahm die AirFrance-KLM Gruppe durch eine Beteiligung von 19,9 Prozent die SAS. Inzwischen beantragte sie eine 60,5 Prozent Beteiligung. Nun beabsichtigt die Gruppe, einen Anteil von 44,9 Prozent an der portugiesischen Fluggesellschaft TAP Air Portugal zu erwerben. Bild AirFrance-KLM

TAP – Air Portugal bald vor dem Verkauf?

Die portugiesische Fluggesellschaft hat eine lange Geschichte des Wechsels zwischen Privatisierung und Verstaatlichung. 1991 wurde es von einem staatlichen Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit Mehrheitsbesitz umgewandelt. Frühe Privatisierungsversuche scheiterten, dies obwohl eine Vereinbarung mit Swissair bestand. TAP wurde schliesslich 2015 privatisiert und kam unter die Kontrolle von David Neeleman, dem Gründer von JetBlue Airways und Azul, sowie Humberto Pedrosa, dem Präsidenten des grossen Verkehrskonzerns Barraqueiro Group. Die Covid-Pandemie und dabei die Notwendigkeit, die Fluggesellschaft zu retten, führten zur Wiederherstellung der vollständigen staatlichen Kontrolle.

In den letzten Jahren meldeten sowohl British Airways im Rahmen der IAG-Gruppe wie auch die Lufthansa Interesse an einer Beteiligung an der portugiesischen Airline. Ein zentrales Beteiligungsargument ist der Status der Fluggesellschaft als grösster Anbieter von Flügen nach Brasilien. Sie ist ausserdem stark in Afrika und Nordamerika präsent. TAP Air Portugal beförderte im Jahr 2024 etwa 16,1 Millionen Passagiere und bedient mehr als 80 Städte.

Im Juli 2025 verabschiedete die Regierung nun offiziell ein Dekret zur Wiederaufnahme der Privatisierung von TAP. Die Regierung genehmigte das Gesetz, das die Privatisierung von TAP regelt. Nach den Bedingungen behält der Staat 50,1 Prozent des Kapitals der Fluggesellschaft, die restlichen 49,9 % werden verkauft, wobei 44,9 % einem privaten Investor zugeteilt und 5 % den Mitarbeitern vorbehalten sind.

Gemäss EuroNews haben die führenden europäische Fluggesellschaften Ende November 2025 erneut ihr Interesse am Kauf des portugiesischen Lufttransportunternehmens bekundet, darunter Air France-KLM, Lufthansa und die International Airlines Group (IAG) – Eigentümer von British Airways und Spaniens Iberia. Die Bewerbungsfrist lief am 22. November ab. Die Parpública, das Unternehmen, das die staatlichen Aktien verwaltet, hatte bis Mitte Dezember Zeit, dem portugiesischen Vorstand einen Bericht vorzulegen. Anschliessend werden die Gruppen oder Unternehmen, die die Einhaltung der Anforderungen nachgewiesen haben, eingeladen ein unverbindliches Angebot einzureichen.

Air Europe geht an Turkish Airline

Es gab mehrere Übernahmeversuche für Air Europa, wobei Turkish Airlines im November 2025 eine Minderheitsbeteiligung erworben hat. Turkish Airlines will damit ihre strategische Position ausbauen und nutzt das Drehkreuz in Madrid für eine Verdichtung der Verbindungen zwischen Europa und Lateinamerika. Heute betreibt die türkische Airline eigene Verbindungen nach Bogota, Buenos Aires, Cancun, Caracas, Panama, Sao Paulo und Santiago.

Frühere Gebote von IAG – International Airlines Group (British Airways/Iberia) und Air France-KLM scheiterten. Der British-Airways-Eigentümer IAG beendete im Sommer 2024 die geplante Übernahme der spanischen Air Europa auf Grund von regulatorischen Bedenken. Die IAG hat dabei ihr Übernahmeangebot über 400 Millionen Euro für die spanische Fluggesellschaft Air Europa zurückgezogen. Es ist das zweite Mal, dass dies geschieht. Erstmals versuchte BA 2019, Air Europe zu übernehmen.

Turkish Airlines wird 300 Millionen Euro investieren. Dies geht aus einer im August von Reuters gemeldeten Vereinbarung hervor. Mit dieser Kapitalzufuhr wird Air Europa das im Jahr 2020 von der staatlichen Beteiligungsgesellschaft SEPI (Sociedad Estatal de Participaciones Industriales) gewährte Corona-Darlehen in Höhe von 475 Millionen Euro vollständig und vorzeitig zurückzahlen. Nach Abschluss der Transaktion stellt sich die Eigentümerstruktur wie folgt dar: Die Familie Hidalgo hält künftig 54 Prozent, Turkish Airlines 26 Prozent und die IAG-Gruppe bleibt mit 20 Prozent beteiligt – ein Überbleibsel eines ehemals gescheiterten Fusionsversuchs zwischen Air Europa und Iberia.

Saudi-Arabien plant mit 150 Millionen Besucher

Vor 2019 war das konservative islamische Königreich Saudi-Arabien für internationalen Tourismus nahezu geschlossen. Die Öffnungs-Strategie des saudischen Luftfahrtsektors konzentriert sich heute auf drei Hauptsäulen: die Unterstützung der 2022 definierten Vision 2030 (PDF in Englisch), die Ermöglichung der nationalen Tourismusstrategie und die Stärkung des Inlandsluftfahrtsektors. Die vor sechs Jahren eingeführte Nationale Tourismusstrategie zielt auf 100 Millionen jährliche Besucher bis 2030 ab. Diese Strategie wurde jedoch inzwischen auf 150 Millionen erhöht.

Das Land hat 35 Millionen Einwohner und ist der grösste Markt im Nahen Osten. Von der Bevölkerung liegen 68 Prozent unter 30 Jahren. Dies ist eine sehr junge und vor allem digitale Generation die die Zukunft des Landes prägen werden. Durch die Nutzung seiner strategischen geografischen Lage und bedeutenden Investitionsmöglichkeiten ist Saudi-Arabien gut positioniert, um die Luftfahrtbranche im Nahen Osten in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus neu zu gestalten. Darunter gehört das Privatisierungspotenzial von 27 Landes-Flughäfen, die derzeit zur Übertragung in Privatbesitz vorbereitet werden.

Im Mittelpunkt der Transformation von Saudia, der nationalen Fluggesellschaft, steht doch die Lieferung von über hundert Flugzeugen bis 2030 bevor, die die heutige Flotte von 143 Flugzeugen ergänzen werden. Sowohl Airbus- als auch Boeing-Flugzeugen gehören zu den Neuzugängen: 21 Boeing 787-10, 13 787-9, 62 Airbus A321neo und 15 A321XLR sind bestellt.

Die 2023 gegründete Airline Riyadh Air baut ab 2026 eine moderne Flotte von 182 Flugzeugen auf. Bestellt sind von Airbus 50 A350-900 und 60 A321neo, von Boeing 39 (plus 33 Optionen) B787-9. Mit Premium-Kabinen und innovativer Technologie will die Airline bis 2030 das Land mit über 100 globalen Zielen verbinden. Die Fluggesellschaft nahm nach London im Oktober 2025 den Betrieb auf. Dies aufgrund von verspäteten Auslieferungen probeweise mit einer gemieteten B787, um dort die wichtigen Start- und Landeslots nicht zu verlieren.

Im Februar 2025 gaben IBM und Riyadh Air eine zukunftsweisende Vereinbarung bekannt. Geplant ist eine kommerzielle cloudbasierte Plattform für generative Künstliche Intelligenz und wissenschaftliche Daten.  Mit dem IBM-Produkt watsonx sollen unternehmensweite KI-Fähigkeit in Arbeitsabläufen etabliert werden, die das Kunde- und Mitarbeitererlebnis von Riyadh Air neu definieren wird. Damit will sich die Airline als weltweit erste digitale Native-Fluggesellschaft positionieren: Von intelligenten Kundeninteraktionen über optimierte Flugoperationen bis hin zu neuen Massstäben für die Zukunft der Luftfahrt sollen etabliert werden.

Flyadeal ist eine saudi-arabische Billigfluglinie die am 23. September 2017 den Betrieb aufnahm. Sie gehört der saudischen Fluggesellschaft Saudia. Bild: flyadeal

Saudi-Arabien verfügt bereits über die Low-cost-Airlines Flynas und Flyadeal. Flynas kündigte im Februar 2025 an, dass es in den nächsten fünf Jahren mehr als 100 Airbus-Flugzeuge erhalten wird. Flyadeal bereitet sich auf eine bedeutende internationale Expansion vor und plant, im ersten Quartal 2026 Flüge nach Indien zu starten. Die in Jeddah ansässige Fluggesellschaft wird in den indischen Markt einsteigen, indem sie wichtige Metropolen sowie schnell wachsende Sekundärziele verbinden wird. Sie plant bis Ende 2026 sechs indische Städte zu bedienen. Im April 2025 bestellte die Saudia Group zehn A330-900 um die Kapazität von Flyadeal ab 2027 zu erhöhen und neue Langstreckenmärkte zu bedienen.

Drei neue Airlines werden abheben

Eine der drei neuen Fluggesellschaften wird die Billigfluggesellschaft Air Arabia Saudia mit Sitz in der Stadt Dammam am King Fahd International Airport am Golf sein. Bis 2030 wird sie über eine Flotte von 45 Flugzeugen verfügen und 24 Inlands- und 57 internationale Strecken ansteuern, wobei jährlich 10 Millionen Passagiere geplant sind. Die Billigfluggesellschaft Air Arabia aus den Vereinigten Arabischen Emirate wird damit ein 7. Drehkreuz in sein Netzwerk aufnehmen. Nach einer offenen Ausschreibung erhielt ein Konsortium bestehend aus Air Arabia, der Nesma Group und KUN Holding die Lizenz der Zivilluftfahrtbehörde Saudi-Arabiens (GACA), eine neue nationale Billigfluggesellschaft zu gründen und zu betreiben.

Jazeera Airways und Beond entschieden sich, Charterfluggesellschaften in Saudi-Arabien zu gründen. Bild GACA

Die saudische Luftfahrtbehörde GACA (General Authority of Civil Aviation) hat am 10. Dezember 2025 Jazeera Airways aus Kuwait und die Premium-Freizeitfluggesellschaft Beond Aviation ausgewählt, um Charterflüge im Königreich zu etablieren. Der kuwaitische Betreiber Jazeera hatte vor mehr als zwei Jahren signalisiert, dass Interesse an der Gründung einer Tochtergesellschaft in Saudi-Arabien besteht. Beond, bekannt durch ihre Flüge ab Zürich und München nach den Malediven, wird eine saudische Fluggesellschaft gründen und ein saudisches Luftfahrtzertifikat erhalten. Diese Lizenz ermöglicht es, inländische und internationale Charterflüge vom Königreich aus zu betreiben. Diese Chartergesellschaften sollen gemäss GACA bis 2030 einundzwanzig Flugzeuge betreiben und 48 Destinationen im In- und Ausland bedienen.

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