Anwohner für Umgestaltung von Strassen // Die Schattenseiten von E-Bikes // Entmenschlichen Helme Velofahrer?

Velofahren wird in vielen Städten gefördert. Bild: Nomadic Julien/Unsplash

Wenn Parkplätze teurer werden und Autospuren aufgehoben, gibt es oft Widerstand. Doch die direkt Betroffenen unterstützen die Massnahmen meist, zeigt eine Studie. Ausserdem im wöchentlichen Blick aufs Ausland mit den Links zu spannenden Geschichten: Velos sind nicht per se nachhaltig, zeigt eine Dokumentation – und Velohelme können entmenschlichend wirken.

von Stefan Ehrbar
23. Juni 2023

Anwohner für Strassenraum-Umgestaltung

Viele Städte wollen ihren Verkehr neu organisieren. Sie wollen Fuss- und Veloverkehr mehr Raum verschaffen und das Auto zurückdrängen – aus Klimaschutz-Überlegungen, aber auch um den Lärm zu reduzieren, die Sicherheit zu erhöhen und mehr Lebensqualität zu schaffen.

Doch wie werden diese Massnahmen von jenen beurteilt, die sie am unmittelbarsten erfahren, nämlich den direkten Nachbarn? Dieser Frage sind Forscher um Martin Lanzendorf von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main nachgegangen. Die Resultate ihrer Arbeit wurden vor kurzem veröffentlicht.

Die Forscher haben mit einer quantitativen Fallstudie 821 Anwohnende in vier Stadtteilen von Frankfurt am Main zur Akzeptanz von drei Massnahmen befragt: Die Parkplatzbewirtschaftung, die Umwandlung von Autospuren in Velospuren und die Sperrung einer innerstädtischen Ausfallstrasse für den Autoverkehr.

«Die Ergebnisse zeigen eine überraschend hohe Akzeptanz für alle Massnahmen, wenn der Nutzen für die Anwohner greifbar ist», schreiben die Forscher in der Zusammenfassung der Studie. Erfolgreiche Massnahmenpakete könnten Push-Massnahmen mit Pull-Massnahmen kombinieren oder mit Verbesserungen für andere Flächennutzungen. Als Beispiel wird die Wiederverwendung ehemaliger Parkplätze für verkehrsfremde Zwecke wie Grünflächen oder Sitzgelegenheiten genannt.

«Darüber hinaus erklären die wahrgenommene Wirksamkeit, die täglichen Fahrgewohnheiten und die Absicht, die Autonutzung zu verringern, die bauliche Umgebung und in geringerem Masse die soziodemografischen Faktoren die Unterschiede in der Akzeptanz je nach Bevölkerungsgruppe», schreiben die Wissenschaftler.

Befragt wurden Anwohnende in den Gebieten Altstadt/Sachsenhausen Nord, Nordend-Ost, Eschersheim und Bonames/Nieder-Eschbach. Damit wurden verschiedene Gebiete der Stadt mit verschiedenen Charakteristika abgedeckt.

In Anbetracht der Kontroversen und der Zurückhaltung der Politik bei der Umsetzung solcher Massnahmen sei die Akzeptanz erstaunlich hoch, heisst es in der Studie. Nachdrücklich befürwortet wurde demnach die Idee, Auto-Infrastruktur umzuwandeln – etwa in Fläche für Velos und Fussgänger oder für verkehrsfremde Zwecke. Mehr als zwei Drittel der Befragten sind demnach mit der Umwandlung von Auto- in Velospuren einverstanden.

Die Umnutzung von Parkplätzen zu Velospuren befürworten 59 Prozent der Befragten, für bessere Bedingungen für Velofahrerinnen und -fahrer sprechen sich 68 Prozent aus und 64 Prozent wollen bessere Bedingungen für zu Fuss Gehende. Bei konkreten Projekten allerdings sind die Meinungen gespalten: So befürworteten 45 Prozent der Befragten die Sperrung der innerstädtischen Mainkai-Strasse für den Autoverkehr, fast ebenso viele Befragte lehnen sie aber auch ab. Eher zustimmen würden viele Ablehnende, wenn zusätzlich Teil des Strassenraums für verkehrsfremde Nutzungen wie Grünflächen, Sitzgelegenheiten oder Aussengastronomie freigespielt würde, statt den Platz exklusiv den Velos zur Verfügung zu stellen.

Bei der Parkraumbewirtschaftung fand laut der Studie ein Paket mit kombinierten Massnahmen eine Zustimmung bei 56 Prozent der Befragten. Wie sehr solche Massnahmen befürwortet werden, hängt vor allem von der wahrgenommenen Wirksamkeit ab. Daneben sind regelmässige Velofahrende häufiger Befürworter von Massnahmen und solche mit einem eigenen Auto seltener. «Auch die bauliche Umgebung hat einen erheblichen Einfluss», so die Studie. «Bewohner, die weiter vom Stadtzentrum entfernt wohnen, stimmen den Massnahmen in geringerem Masse zu als die Bewohner der zentraler gelegenen Wohnviertel.»

Die Schattenseiten der Velos

Das Velofahrern wird fast überall gefördert. Es gilt als gesund und umweltschonend. Doch ist Velofahren per se nachhaltig? Nein, zeigt eine neue Episode der ZDF-Sendung «planet e».

Die Branche hat mittlerweile grosses wirtschaftliches Gewicht. In Deutschland hat sich der Umsatz mit Velos laut der Sendung seit 2012 fast vervierfacht auf 7,36 Milliarden Euro jährlich. Wurden 2017 noch 3,9 Millionen Velos verkauft, waren es 2020 im ersten Coronajahr 5 Millionen. Der Marktanteil von E-Bikes bei den Neuverkäufen beträgt mittlerweile 48 Prozent.

Zwar ist das Velofahren tatsächlich immer nachhaltiger als das Autofahren. Doch bei den Lieferketten, den Arbeitsbedingungen und den seltenen Erden für E-Bike-Akkus gibt es Verbesserungsbedarf.

Die Macher der Sendung fragten etwa mehrere Fabriken in Kambodscha an. Das Land ist seit Jahren grösster Quellmarkt von Velos für die EU. Auch viele Teile von Velos kommen aus Asien. Nur in einer Fabrik durfte das Team schliesslich drehen, aber nicht mit Mitarbeitenden sprechen. Nur ein Vorarbeiter gab unter Aufsicht Auskunft über die Arbeitsbedingungen.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren laut der Sendung die Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Die Löhne seien zu tief und ermöglichten kein Auskommen. Gewerkschaften würden zudem unterdrückt. Selbst in der «Vorzeigefabrik», in der das Team drehen durfte, ist zudem zu sehen, dass Arbeitende beim Schweissen keine Schutzkleidung und keine Schutzbrillen tragen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Akkus von E-Bikes oft weggeworfen werden, statt in das Recycling zu gehen. Das liegt auch daran, dass viele Hersteller laut der Sendung keine Ersatzteile herausgeben. Das grösste Problem der Akkus seien aber die Rohstoffe. Deren Abbau finde häufig unter «katastrophalen Bedingungen» statt und schade der Umwelt und den Arbeitern. Dabei geht es vor allem um Lithium, Mangan oder Kobalt.

Entmenschlichen Helme die Velofahrer?

Auch wenn die Produktion von Velos gewisse negative Einflüsse auf Mensch und Natur hat, so ist das Velo doch ein im Vergleich zum Auto sehr umweltfreundliches Verkehrsmittel, dessen Förderung sich mit Blick auf den Klimawandel, die Sicherheit und den Lärm lohnt. Doch ein Hindernis gibt es dabei: Die negative Einstellung vieler Menschen gegenüber dem Velofahren.

Dieses Phänomen haben zwei Forscher von der Queensland University of Technology und der Flinders University in Australien nun untersucht. Ihre Studie mit dem Titel «The effect of safety attire on perceptions of cyclist dehumanisation» wurde kürzlich im Journal «Transportation Research» veröffentlicht.

Wie die Forscher schreiben, haben aktuelle Untersuchungen aus Australien gezeigt, dass viele Menschen Velofahrer nicht als vollwertige Menschen betrachten. Es fehle aber an empirischen Beweisen für diese entmenschlichende Wahrnehmung. Die Forscher haben untersucht, ob sie an den Schutzhelmen liegen könnte.

«Wir stellten die Hypothese auf, dass Menschen, die einen Velohelm tragen, aufgrund der eingeschränkten Sichtbarkeit von Augen und Haaren im Vergleich zu Menschen ohne Helm als weniger menschlich wahrgenommen werden», heisst es in der Studie. Um diese Hypothese zu testen, wurde eine Umfrage unter 563 Menschen durchgeführt.

Die Probanden mussten mit abwechselnden Multi-Choice-Fragen beantworten, welche Bilder von Velofahrenden als weniger menschlich angesehen werden. Dabei zeigte sich laut der Studie, dass Bilder von Velofahrern mit Helm oder Sicherheitsweste mit höherer Wahrscheinlichkeit als weniger menschlich eingestuft werden als solche von Velofahrern ohne Sicherheitsausrüstung.

Wie es in der Diskussion der Ergebnisse heisst, waren beispielsweise 398 der Befragten der Meinung, dass eine Velofahrerin mit einer Sicherheitsweste auf einem Bild weniger menschlich aussah. Es gebe eine allgemeine Bevorzugung von Bildern mit wenig Bekleidung, heisst es weiter.

Nicht halten liess sich laut den Forschern die These, dass die entmenschlichende Wahrnehmung daher rührt, dass Haare und Augen wegen Helmen schlechter sichtbar sind. «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Präferenz der Befragten weniger mit der schlechteren Sichtbarkeit des Kopfes und der Haare durch die Kopfbedeckung zusammenhängt als vielmehr mit dem Vorhandensein von offenkundiger Sicherheitsausrüstung», heisst es in der Studie. Mit anderen Worten: Wenn sich Velofahrende durch Sicherheitsausrüstung schützen, wird ihnen eben diese Ausrüstung oft zum Verhängnis, weil sie dadurch von anderen Verkehrsteilnehmern als weniger menschlich wahrgenommen werden.

«Unsere Studie stützt die Hypothese, dass Menschen, die einen Velohelm tragen, im Vergleich zu Menschen ohne Helm als weniger menschlich wahrgenommen werden. Sie bestätigte jedoch nicht die Annahme, dass die Entmenschlichung von Velofahrern darauf zurückzuführen ist, dass Helme Haare und Gesichtszüge verdecken», heisst es in der Diskussion der Resultate.

Die Studie habe ergeben, dass Velofahrer, die eine Mütze tragen, als menschlicher wahrgenommen wurden als Velofahrer mit Helm, obwohl diese ähnlich viele Haare und Gesichtszüge verdeckten. Umgekehrt wurden Velofahrer ohne Helm, aber mit Warnweste, im Vergleich zu allen anderen getesteten Kleidungsarten eher als weniger menschlich wahrgenommen. «Dieses Ergebnis und die allgemeine Tendenz, Velofahrern, die Sicherheitskleidung tragen, weniger Menschlichkeit zuzuschreiben, deuten darauf hin, dass die Sicherheitskleidung selbst zur Entmenschlichung beiträgt, und nicht so sehr die Verschleierung von Haaren und Gesichtszügen.»

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist das sogenannte «Othering». Wer aktivitätsspezifische Kleidung wie in diesem Fall Sicherheitskleidung trägt, signalisiert damit, dass er sich einer bestimmten Gruppe – also hier den Velofahrern – stärker verpflichtet fühlt als anderen. Wenn dann Menschen aus anderen Gruppen – also Nicht-Velofahrer – bereits negative Einstellungen diesen gegenüber haben, verstärkt die Kleidung diese negative Einschätzung. Velofahrer werden dann durch diese Kleidung als «anders» oder als «Aussenseiter» und als weniger zivilisiert betrachtet.

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