
Während in der Ukraine der Krieg tobt, fahren die meisten Züge weiterhin. Eine Reportage aus einem Nachtzug in die Hafenstadt Odessa. Ausserdem im Blick aufs Ausland: Wer in Brüssel sein Auto abgibt, kann fast 1000 Franken kassieren – und die Deutsche Bahn wächst in der Krise über sich hinaus.
von Stefan Ehrbar
1. April 2022
Im Nachtzug von Lwiw nach Odessa
Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Im Land toben Kämpfe – besonders im Osten und Süden. Trotzdem verkehren die meisten Züge zwischen den grossen ukrainischen Städten weiterhin. Die «Wiener Zeitung» ist für eine Reportage im Nachtzug von Lwiw nach Odessa mitgefahren.
«Die Uhr zeigt zehn Minuten vor elf, als der erste Einschlag jene Passagiere aus dem Schlaf reisst, die sich bereits hingelegt haben», schreibt der Autor über das Geräusch einer Explosion. Die Menschen kämpften mit dem Instinkt, den Vorhang aufzuziehen, der die Kabine verdunkle.
Kurz vor drei Uhr sorge eine weitere Explosion nahe den Schienen dafür, «dass jene Menschen, die am Abend zuvor den Nachtzug bestiegen haben, in der Gewissheit leben, wirklich nirgendwo mehr in diesem Land sicher zu sein».
Um sechs Uhr morgens wird das Öffnen der Vorhänge wieder erlaubt. Im Zug befinden sich Leute, die ihre Familie aus dem Land herausholen wollen, die sich nach wochenlangem Militärdienst bei ihrer Familie erholen oder die weiterhin im Land arbeiten.
«Mit einer unterbrechungsbedingten Verspätung von zweieinhalb Stunden fährt der Nachtzug von Lemberg in den Bahnhof von Odessa ein und spuckt seine Passagiere auf die Plattformen aus», schliesst der Text. «Es ist einer jener seltsamen Momente, in dem nicht nur die Leute die Ankommenden umarmen, auf die sie gewartet haben, sondern auch viele der Ankommenden einander in die Arme fallen.»
Brüssel zahlt Geld für die Abgabe des Autos
Die belgische Hauptstadt Brüssel greift zu neuen Massnahmen, um die Zahl der Autos in der Stadt zu senken. Einwohner der Hauptstadtregion können bis zu 900 Euro (umgerechnet 930 Franken) erhalten, wenn sie auf ihr Fahrzeug verzichten.
Der Titel des Programms lautet Bruxell’air. Es existiert bereits seit 2006. Der Höchstbetrag der Anreize wurde allerdings kürzlich von 500 auf 900 Euro erhöht, berichtet das Portal timeout.com. Der Gedanke dahinter sei, dass Menschen ihr Auto stehen lassen und das zusätzliche Geld stattdessen für umweltfreundliche Alternativen verwenden sollen.
Der Betrag von 900 Euro ist ein Höchstbetrag. Die Summe richtet sich nach dem Einkommen, womit ärmere Einwohnerinnen und Einwohner mehr gefördert werden. Der Betrag kann nicht frei ausgegeben werden, sondern muss etwa in Velos, Veloausrüstung, ÖV-Abos oder eine Mitgliedschaft beim Carsharing-Dienst investiert werden. Der übrige Betrag muss zurückerstattet werden.
Die Prämie kann beantragt werden, indem das Auto abgemeldet wird und sich Interessierte bei der Stadtverwaltung melden.
Die Deutsche Bahn wächst über sich hinaus
«Im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine zeigt der Staatskonzern logistische Höchstleistungen – und ein menschliches Gesicht»: Das schreibt die deutsche Zeitung «Tagesspiegel» über die Deutsche Bahn (DB).
So habe sich die DB als verlässliche Krisenmanagerin mit einem breiten Hilfspaket offenbart. Die Zeitung nennt etwa die «Schienenbrücke» des Konzerns, also Güterzüge mit Hilfsgütern in die Ukraine, Evakuierungszüge für Menschen aus der Ukraine oder ein Jobprogramm für Geflüchtete.
«Es scheint, als schöpfe die Bahn ihr volles Potenzial aus, um die breit bekundete Solidarität des Westens mit konkreten Massnahmen zu untermauern», heisst es im Text.
Laut Angaben der Bahn sind mittlerweile mehr als 200’000 Menschen auf dem Schienenweg vor dem Krieg nach Deutschland geflohen und sieben Güterzüge mit Hilfslieferungen sind in die Ukraine gestartet. Der erste mit mehr als 350 Tonnen Fracht habe sein Ziel bereits erreicht. Dazu gehören etwa Lebensmittel und Sanitär- oder Hygieneartikel.
Zudem hat die DB mit Hannover, Berlin und Cottbus Drehkreuze eingerichtet, welche mit Sonderzügen angefahren werden. Alleine in Berlin kommen jeden Tag sechs solcher Züge mit etwa 5000 Geflüchteten an. Die Sonderzüge kommen etwa aus Warschau, Posen oder Budapest.
Zudem setzt die DB mit ihrer Tochtergesellschaft DB Regio Bus und Partnern bis zu 300 Reisebusse ein, mit denen Geflüchtete innerhalb Deutschlands weiterbefördert werden.
Als Vorteil der Bahn entpuppt sich in der aktuellen Krise, dass das Schienennetz in der Ukraine trotz des Krieges zu einem grossen Teil noch intakt ist und befahren werden kann.
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